Der Chirurg von Campodios
Brauchen’s ja jetzt nich, müssen’s nur so spannen, dass ’ne schöne Kuhle drinne is, verstehste, Phyllis, zum Sammeln. Müssen die Knoten anne Ecken losmachen, Phyllis, pack mal mit an. Autsch, verdammich, mein Nagel is abgebrochen, kriegste ’s hin, Phyllis? Nee? Ich auch nich, Pest un Aussatz, warum krieg ich’s bloß nich hin?«
»Musst erst die Kopfschläge auf den Klampen losmachen.«
»Wie? Wer war ’n das? Warst du das, Hewitt? Hör mal, wenn du ’s besser kannst, komm her, aber fix, der Regen wartet nich auf dich.«
Hewitt, der bereits die ganze Nacht an der Pinne gesessen hatte und deshalb eingenickt war, schreckte neben Bantry auf. »Was ist los, Phoebe?«
»Hab dich gefracht, ob du das warst.«
»Was? Ich hab nichts gesagt.«
»Ich war’s. Ich hab gesagt, du musst erst die Kopfschläge auf den Klampen losmachen«, erklärte Bantry mit ruhiger Stimme.
Phoebe sperrte Mund und Nase auf. Der seltene Fall, dass ihr die Worte fehlten, war eingetreten. Endlich fasste sie sich. »Duuu, Bantry? Ich glaub, mich laust der Affe, biste wirklich wieder obenauf? Den annern geht’s doch noch hundsmiserabel, un du redst wieder klar?«
»So ist es.« Bantrys Stimme klang wie selbstverständlich. Er war vierundvierzig Jahre alt und damit älter als jeder andere an Bord, dennoch hatte er als Erster das Fieber besiegt. Wundern tat ihn das nicht, denn er hatte schon ganz andere Situationen gemeistert. Er war dreimal schiffbrüchig gewesen, davon zweimal in karibischen Gewässern, wo er viele Jahre unter Piraten gelebt und mehrere Männer erstochen hatte; er hatte anno 1571 in der Seeschlacht von Lepanto gekämpft, er hatte als Söldner in den Spanischen Niederlanden gedient, er hatte ein Jahr Kerker bei den Franzosen abgesessen … Das alles und mehr hatte er überlebt. Durch Schläue und vor allem: durch Rücksichtslosigkeit. Wenn es darauf ankam, ging Bantry über Leichen.
Phoebe rief begeistert: »Mensch, Phyllis, Hewitt, was sachter dazu, Bantry hat’s geschafft, geschafft hat er’s!«
Die beiden anderen freuten sich mit ihr.
Mittlerweile goss es in Strömen vom Himmel, steife Böen peitschten Regenschauer über das Boot. Die
Albatross
legte sich mehrfach über, und Hewitt hatte alle Hände voll zu tun, sie auf Kurs zu halten.
»Lass sie nach Süden abfallen, dann macht sie ruhigere Fahrt«, befahl Bantry. Hewitt gehorchte umgehend. Die Schräglage der
Albatross
ließ nach. Bantry grunzte zufrieden. Das Wetter und auch der südlichere Kurs kamen ihm sehr gelegen, denn er wollte nicht zu den karibischen Inseln, wo er bekannt war wie ein bunter Hund und vielerorts gesucht wurde. Er beabsichtigte nicht, den Antillenstrom zu nutzen, der ihn zwangsläufig dorthin treiben würde, sondern den südlicher verlaufenden Nordäquatorialstrom. Der würde ihn zum südamerikanischen Festland bringen, vielleicht nach Cartagena, einer großen spanischen Stadt, in der man leicht untertauchen konnte. »Halt diesen Kurs, Junge!«, sagte er laut. »Und ihr da vorn macht das Sonnensegel zum Wasserauffangen fertig.«
Mit kurzen, knappen Anweisungen half er Phoebe und Phyllis, das Tuch neu zu spannen. Während die Mädchen noch beschäftigt waren, befahl er Hewitt: »Lasch Pinne und Schot fest und hau dich aufs Ohr, Junge. Ich achte auf den Kurs.«
Nur Augenblicke später war der dankbare Hewitt eingeschlafen, und Bantry kroch zu den beiden Toten, vorbei an dem Cirurgicus, diesem feinen Pinkel, der zum Glück fest schlief. Ein kurzer Blick nach vorn sagte ihm, dass die beiden Mädchen noch beschäftigt waren. Gerade versuchten sie, die ersten aufgefangenen Tropfen in den Kochtopf umzuschütten. Bantry schob seinen Körper näher an Ó Moghráin heran. Mit gekonntem Griff durchsuchte er dessen Taschen. Nichts. Oder doch? Da! Da war etwas. Er zog ein kleines Perlmuttdöschen hervor und blickte neugierig hinein. Ein silbernes Kleeblatt lag darin, mehr nicht. Keine Silber- und erst recht keine Goldmünzen. Enttäuscht klappte er das Döschen wieder zu und steckte es ein. Kurz darauf fand er ein goldenes Kreuz, das der Steuermann an einem Kettchen um den Hals trug. Das war schon besser. Mit einem Ruck riss Bantry es ab.
»Mal sehen, ob Bride auch was zu bieten hat«, murmelte er, und seine Rechte fuhr geschickt unter das Hemd des Zimmermanns. Er tastete noch, da rief Phoebe unvermittelt von vorn: »He, Bantry, ’s klappt, ich werd verrückt, ’s klappt! Schon halb voll der Eimer, schon halb voll … Moment mal, sach
Weitere Kostenlose Bücher