Der Club der Lust
umrahmten Augen, die sie aus unmittelbarer Nähe anblickten, waren wie Laser, die jede Täuschung sofort offen legen konnten. «Hatte ich dir nicht unmissverständlich klar gemacht, dass man diese Angelegenheit nicht auf die leichte Schulter nehmen darf? Du hast mich angelogen, Patti. Hast du das schon vergessen? Du hast mir eine Lüge aufgetischt, obwohl du mir nichts als die Wahrheit versprochen hattest.» Die Dragqueen lächelte über den richterlichen Ton ihrer Worte. Patti wollte den Kopf schütteln. Für einen Augenblick lang hatte sie genug von den Spielchen und wollte einfach nur sagen, dass sie aufhören sollte.
Doch das tat sie nicht. Sie konnte kaum klar denken. Ihr Körper fühlte sich an, als würde er brennen – brennen vor Lust, sichendlich auf den dunklen Weg zu begeben, der vor ihr lag. Ohne nachzudenken fuhr ihre Hand von der Bluse in ihren Schritt, so als würde der kurzfristige Druck ihrer pulsierenden Möse etwas Erleichterung verschaffen.
«Sie wäre sowieso hergekommen, hab ich Recht?», fuhr Stella mit dem Verhör fort. «Sie ist gar nicht nach Redwych gekommen, weil du sie darum gebeten hast, oder?»
Das entsprach zwar der Wahrheit, aber sie hatten das Thema schon mehrfach durchgekaut. Stella ritt einfach nur darauf herum. Der Transvestit verstand es großartig, die Mischung aus Feindseligkeit und Zuneigung aufzunehmen, die zwischen ihr und Natalie bestand. Patti fragte sich, ob Natalie sich dieser gegensätzlichen Gefühle ebenfalls bewusst war. Ihre Schwester hatte es jedenfalls noch nie offen ausgesprochen. Und was Patti selbst anging, so kam es ihr vor, als hätte sie die letzten Jahre im Halbschlaf verbracht, um nach der ersten Begegnung mit Stella schließlich aus einem emotionalen Koma zu erwachen.
«Nein. Eigentlich nicht. Sie hat noch nie etwas getan, weil ich sie darum gebeten habe», gab Patti zu. Sie wusste, dass das der Wahrheit entsprach, und spürte einen kurzen Anflug von Verbitterung, der aber sofort von einer brandheißen Freude abgelöst würde. Ihre Schwester würde schon bald eine Kostprobe ihrer eigenen Medizin bekommen. Herrlich!
«Ach wirklich, Patti? Was für ein Jammer. Du wärst vielleicht belohnt worden, wenn du sie hättest überreden können, an ein paar interessanten hiesigen Aktivitäten teilzunehmen.»
Stella lächelte – ihr fuchsiafarben geschminkter Mund bedeutete sowohl Bedrohung als auch Verheißung. Patti war plötzlich danach, noch weitaus abwegigere Dinge zu versprechen. Berühr mich nur ein Mal, und ich bringe Natalie zu dir. Oder: Kneif in meine Nippel und reib meinen Kitzler, dann überzeuge ich sie davon, nackt vor dir rumzulaufen, vor dir niederzuknien und deinen Schwanz in den Mund zu nehmen.
Aber es war sicher nicht ratsam, die Dinge noch schlimmer zu machen, als sie ohnehin schon waren. Obwohl «schlimmer» im Grunde nicht das richtige Wort war. Was vor ihr lag, würde um so vieles
besser
werden, je größer die Verfehlung war. Und Natalie hatte trotz ihrer Klugheit und der weltgewandten Großstadtfassade keinerlei Ahnung von dieser «besseren» Art von Sex.
«Vielleicht macht sie ja trotzdem mit», sagte Patti. Doch die erstickende Aufregung in ihrer Kehle nahm ihren Worten jedes Gewicht. Sie klang, als würde sie flüstern, keuchen oder einfach nur schwer atmen wie eine läufige Hündin. «Und das nur, weil sie denkt, dass sie etwas verpasst. So ist sie drauf. Sie kann es nicht ertragen, wenn ich etwas bekomme, was sie nicht kriegen kann.»
Stella drehte sich um und entfernte sich ein paar Schritte, sodass Patti sie eingehender betrachten konnte. Der Transvestit trug einen langen schwarzen Ledermantel, der in der Taille eng zusammengebunden war und dessen untere Hälfte vernehmlich raschelte. Auf der dunkelroten Perücke thronte ein schwarzes, übergroßes Barett. Auch bei den Schuhen hatte Patti richtig gelegen. Turmhohe Absätze sorgten dafür, dass Stellas Waden so schlank und fest wie die einer Tänzerin aussahen. Ihre dunklen Nylons glitzerten wie Schlangenhaut an den Stellen, an denen das knappe Licht auf sie fiel, und die langen, schmalen Hände steckten in schwarzen Lederhandschuhen.
«Und glaubst du, dass du jetzt etwas verabreicht bekommst?»
In Stellas Stimme lag eine gewisse Zielstrebigkeit. Trotz einer Spur von Kitsch und Parodie hatte sie etwas Tiefes, Volles und absolut Einmaliges an sich. Sie spielte ihre Rolle wie immer mit voller Hingabe. Das Ganze war zwar immer noch ein Spiel, hatte in gewisser Hinsicht aber
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