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Der Dieb der Finsternis

Der Dieb der Finsternis

Titel: Der Dieb der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Doetsch
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sie den Meißel in den Scharnierbolzen und war zutiefst dankbar, dass dieser Sarg nicht von der gleichen schweren Machart war wie der des Sultans.
    Sie klappte den Sargdeckel auf und blickte auf die sterblichen Überreste von Selims Ehefrau: ein durchsichtiger weißer Schleier lag über ihrem Schädel, und ihr langes schwarzes Haar sah aus wie eben erst gekämmt. Die wenigen noch existierenden Hautfetzen erinnerten an papierdünnes Leder und lagen ausgetrocknet und schuppig auf den elfenbeinfarbenen Knochen. Sie war klein, weniger als eins sechzig, schätzte KC.
    Der Lärm wurde lauter, die Wachen kamen näher.
    KC drückte den knöchernen Leichnam zur Seite, warf ihre zwei Taschen in den Sarg und kletterte hinein. Geschickt hielt sie das grüne Tuch fest, als sie den Deckel schloss, um sicherzustellen, dass es so lag, wie es liegen musste.
    Lautlos fiel der Deckel zu, und KC war umhüllt von Dunkelheit und dem moderigen Gestank des Todes. Sie kämpfte gegen den Ekel an und versuchte, sich mit dem Verstand vor dem Horror zu schützen, der neben ihr lag, während zugleich die Angst vor der Dunkelheit aus den Tiefen ihres Innern stieg. Nur half das jetzt alles nichts.
    Ihr Geist kreischte vor Entsetzen.
    Michael starrte in die Untiefen der Hölle, auf die Leiden und Qualen derer, die die Ewigkeit darin fristen mussten. Er hieb den Meißel in den Zenit des abscheulichen Kunstwerks, machte kurzen Prozess, zertrümmerte es mit aller Gewalt, als würde er dem Teufel mitten ins Herz schlagen. Während er bei den beiden anderen Mosaiken, den Darstellungen von Himmel und Erde, die Seiten und Außenränder intakt gelassen hatte, ließ er von der Unterwelt nichts übrig und vernichtete das gesamte Bildnis, bis keine Fliese mehr heil war.
    Michael griff in die freigelegte Ausbuchtung und zog eine Kiste heraus, etwa einen Meter lang und um die dreißig Zentimeter breit. Er zögerte einen Moment, als er auf die Holzkiste schaute, denn er hoffte, dass er jetzt nicht die Büchse der Pandora öffnete. Er verfluchte seine Lage. Dann aber dachte er an KC, an den Kummer, der sie plagte, und an die Schuldgefühle, die sie wegen ihrer Schwester und Simon hatte.
    Michael riss den Deckel auf, zerbrach dabei die Scharniere und das Schloss. Er griff in die Kiste und nach dem, von dem er wusste, dass es darin war. Er legte die Karte auf den Boden. Die Gazellenhaut war überraschend weich und geschmeidig, und die ausgerissene Ecke ließ nicht den geringsten Zweifel an der Echtheit der Karte. Sie war ungemein detailliert, zeigte den Osten Afrikas, den Indischen und den Pazifischen Ozean, Indien, Australien und den Fernen Osten.
    Und Michaels Blick wurde wie magisch auf die Gebirgskette gelenkt, auf den Himalaja, der mit überwältigender Präzision eingezeichnet war. In der Mitte des Gebirgszuges befand sich die ausgefeilte Darstellung eines fünfgipfeligen Berges. Keiner der anderen Orientierungspunkte und keine der anderen Routen auf der Karte waren so detailliert und mit so vielen Anmerkungen versehen wie die Wegstrecke, die vom Meer durch die Flüsse Indiens bis hinein ins Herz des Kontinents führte. Michael war zwar nicht in der Lage, die türkischen Vermerke zu lesen, konnte sich aber denken, was sie besagten. Nach dem, was er über die Reisen des Kemal Reis gelesen hatte und über das Versteck dieser Karte hinter just dieser Mauer, hatte er keinen Zweifel, dass die Anmerkungen auf der Karte Warnungen waren.
    Michael zog seine wasserfeste Digitalkamera aus der Tasche und machte diverse Aufnahmen von der Karte, bevor er die Kamera wieder in das Seitenfach gleiten ließ. Es war eine primitive Sicherheitskopie, aber besser als nichts.
    Er rollte die Karte zusammen, nahm die Transportrolle vom Rücken und zog ihren oberen Verschluss ab. Dann drehte er die innere Verriegelung auf, steckte die Karte in die wasserdichte Röhre und verschloss sie luftdicht, was einen kaum hörbaren Zischlaut verursachte. Er legte die Lederklappe darüber, verschnürte sie fest und warf sich den Ledergurt über die Schulter. Dann packte er seine Handwerkszeuge zurück in die Neopren-Tasche, verschloss sie luft- und wasserfest und legte sie sich über die andere Schulter. Schließlich blickte er auf die Armbanduhr und versuchte kurz, Funkkontakt herzustellen, doch es klappte nicht: Die Mauern waren zu dick.
    Michaels Nerven waren bei dem Gedanken an KCs Sicherheit zum Zerreißen gespannt. Er hoffte, dass sie längst fertig war mit Selims Grabmal und bereits auf ihn

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