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Der Dieb der Finsternis

Der Dieb der Finsternis

Titel: Der Dieb der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Doetsch
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wartete.
    Als er sich ein letztes Mal umschaute und den Schaden in Augenschein nahm, den er angerichtet hatte, betete er, es möge nicht vergebens gewesen sein. Dann dachte er an die Bilder auf dem letzten Mosaik – die Bilder einer Welt des Leidens, die sich tief in sein Inneres gegraben hatten. Er beschloss, niemals jemandem zu erzählen, was er gesehen hatte, weder KC noch Busch. Außerdem nahm er sich vor, ihnen nicht zu sagen, wohin die Karte seiner Befürchtung nach führte und was sie möglicherweise bedeutete.
    Michael würde Simon freibekommen, und er würde dafür sorgen, dass Cindy sicher zu KC zurückkehrte, aber in einer Hinsicht bestand keine Frage: Er würde diese Karte niemals aus der Hand geben.
***
    KC lag regungslos da und versuchte, so wenig zu atmen wie nur möglich, teils um den Sauerstoff zu sparen, der ihr zur Verfügung stand, teils um zu vermeiden, dass sich ihre Lunge mit dem Odem des Todes füllte, weil sie Angst hatte, es könne ansteckend sein. Obwohl die Frau vor fünfhundert Jahren gestorben war, hing der Gestank der Verwesung in der hölzernen Verschalung. Als KC den Leichnam zur Seite schob, überraschte sie das geringe Gewicht. Es war, als würde man dünne Stöcke bewegen, klappernde Knochen, an denen man sich schrammen konnte.
    Dann wurde die Tür, die in das Mausoleum führte, mit lautem Krachen aufgerissen. Der Lärm dröhnte bis hinein in den Sarg, in dem KC sich versteckte. Sie lauschte angestrengt, hörte, wie die Wachmänner hereinkamen, und vernahm zwei Stimmen, die in drängendem Tonfall über Störfälle und Sicherheitsvorkehrungen sprachen und sich fragten, warum ausgerechnet sie die Totenwache halten mussten.
    KC schaltete ihre Taschenlampe nicht ein und versuchte das Bild des verrotteten Skeletts zu verdrängen, das gegen ihren Körper drückte. Sie hatte es nur für einen kurzen Moment gesehen, und doch würde sie den Anblick für den Rest ihres Lebens nicht vergessen. Sie kämpfte gegen die Übelkeit an, die so übermächtig war, dass sich ihr der Magen umdrehte, und gegen den Ekel, dass sie neben einer Toten lag. Dennoch versuchte sie den Wachmännern zu lauschen und die gedämpfte Unterhaltung zu verfolgen, obwohl sie nur ein paar Fetzen davon mitbekam. Das Gerede schien sich über Stunden hinzuziehen, obwohl der Streifengang der Wachen durch das Mausoleum in Wahrheit nur ein paar Minuten dauerte.
    Doch so grauenerregend der Ort auch war, an dem KC lag, und so Furcht erregend die Vorstellung, man könne sie schnappen – es war nichts verglichen mit dem, was sie im Sarkophag von Sultan Selim II. gesehen hatte. Es ließ ihr Herz zu Eis gefrieren.
    Dann war das laute Knallen der Tür zu vernehmen. Im nächsten Moment fiel sie ins Schloss. KC hörte, wie sie verriegelt wurde. Es dauerte ein paar Sekunden, bevor der Alarm in ihrem Ohr ertönte und das Signal gab, dass die Wachen die erste Laserschranke durchbrochen hatten. Als der zweite Piepton erklang, wusste sie, dass sie fort waren.
    Langsam hob KC den Deckel und leuchtete mit der Taschenlampe auf den Leichnam neben ihr. Der Kopf hatte sich vom Körper gelöst, und das einstmals elegant frisierte Haar hatte sich verheddert und hing wild um den Schädel. Voller Abscheu sprang KC aus dem Sarg. Im nächsten Moment schämte sie sich. Schließlich hatte sie den Frieden einer Toten gestört. KC erwog, die sterblichen Überreste wieder zurechtzulegen, wusste aber, dass ihr die Zeit davonlief.
    Schnell machte sie sich am Sarkophag des Sultans an die Arbeit. Sie brauchte nur eine Minute, um das grüne Sargtuch herunterzunehmen und die Stützstäbe anzubringen. Eine weitere Minute benötigte sie, um den Deckel zu heben; aber dieses Mal hob sie ihn nicht nur ein paar Zentimeter, sondern pumpte so lange, bis der Deckel gut einen halben Meter weit offen stand.
    Sie knipste ihre Taschenlampe ein und leuchtete hinein in die Finsternis und auf das, was sie bei ihrem ersten Versuch dort vorgefunden hatte.
    Da war kein Leichnam. Es gab weder einen Sultan noch einen Stab. Der Sarg war so leer, wie er leerer nicht hätte sein können. Er hatte keinen Boden. Er war vielmehr der Eingang zu einer anderen Welt – der Zugang zum eigentlichen Grabmal.
    Jetzt wusste KC, warum es vier Jahre gedauert hatte, dies alles zu bauen: Es hatte an dem Grabmal darunter gelegen. Die Hagia Sophia war früher eine Kirche gewesen, eine prunkvolle Basilika, und es war allgemein üblich gewesen, Kirchen über Krypten zu errichten. So war es vielerorts: im

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