Der Dieb der Finsternis
Vatikan, in der St. Patrick’s Kathedrale in New York City, in der Kathedrale Notre-Dame de Paris und anderswo. Als die Hagia Sophia im sechsten Jahrhundert als christliche Basilika erbaut worden war, hatte auch sie eine Krypta gehabt. Doch als die christliche Kirche 1453 in eine Moschee umgewandelt wurde, hatte man nirgendwo vermerkt, was aus den Krypten darunter geworden war. Jetzt, da KC in Selims Sarkophag schaute, war ihr auf einmal alles klar.
KC drapierte das grüne Tuch über den offenen Sarg; dann schnappte sie sich ihre zwei Taschen und den hydraulischen Zylinder, hob das grüne Tuch vorsichtig an und kletterte hinein in den Sarkophag. Die steilen, schmalen Stufen waren aus Stein und vor über vierhundert Jahren in den Fels gemeißelt worden.
KC hielt den Zylinder ganz fest, aus dem der Luftschlauch ragte, der mit den Hebearmen verbunden war. Dann öffnete sie die Entriegelungsklappe. Als der Sargdeckel sich langsam über sie senkte, geschah dies mit einem leisen Fauchen. Kurz bevor der Deckel ganz zuschlug, schloss KC die Entriegelungsklappe, sodass er nicht weiter sinken konnte und gerade so weit offen stand, dass Platz für den Luftschlauch war. Wer oben im Mausoleum stand, konnte nur den mit dem Sargtuch bedeckten Sarkophag sehen. Sollte der Deckel allerdings zufallen und den Luftschlauch abdrücken, würde KC fortan hier unten residieren, zusammen mit all den Scheußlichkeiten, von denen sie im Augenblick noch gar nicht wusste, um was es sich handelte.
KC lief über die Treppe nach unten. Die Taschenlampe wies ihr den Weg in die versteckte Welt. Als sie die letzte Stufe nahm, fand sie sich in einer Totenstadt wieder. Es war eine alte Krypta; so prachtvoll die ehemalige Basilika war, so prachtvoll war es auch hier. Die Grabanlage war auf dem Höhepunkt des Byzantinischen Reiches erbaut worden und mit Rundbögen und Marmorsäulen versehen, die später von den Osmanen renoviert und weiter ausgebaut worden waren. Die Wände schmückten Büsten und Mosaike, die christliche Heilige zeigten, muslimische Herrscher und die Glorie des Paradieses.
KC stand in einem Vestibül, das etwa fünf mal fünf Meter maß und sehr beengt war – eine Welt unter den Toten.
Sie leuchtete mit ihrer Taschenlampe umher und fand einen dunklen Gang, durch den sie in einen großen, offenen Raum gelangte, in dessen Mitte der wirkliche Sarkophag stand. Großwesir Mehmet Pasha war zu weit größerer Irreführung und Täuschung fähig gewesen, als je einem Menschen bewusst gewesen war. Der Raum war dekoriert mit Schätzen aus dem Osmanischen Reich, mit Säbeln und Koranen, blauen Mosaikkacheln und Kriegsbeute, von der Selim II. kein einziges Stück selbst beschafft hatte, denn er war nie in einen Krieg gezogen, hatte nicht einmal strategisch einen Krieg geplant. Stattdessen hatte er alles seinen Beratern überlassen und hinterher die Lorbeeren eingeheimst.
Da waren Kelche aus dem alten Rom, Juwelen aus Ägypten, Statuen von Pharaonen und Königen. KC war schockiert von einer goldenen Inschrift an der Wand, die selbst nach all den Jahrhunderten noch hell schimmerte: Sie war in Arabisch, Türkisch und Lateinisch verfasst und eine Warnung an die ganze Welt. KC las die Worte des Großwesirs: Wer den Inhalt dieses Grabmals an sich nimmt, den erwartet ewige Knechtschaft in der Hölle.
Dies erklärte vielleicht, warum keine der Kostbarkeiten je gestohlen worden war – nicht von denen, die dieses Grabmal erbaut hatten, ja, nicht einmal von Dieben, denen es möglicherweise gelungen war, bis nach hier unten vorzudringen.
KC war bereit, ihr Leben zu opfern, wenn sie damit ihre Schwester retten konnte. Sie würde alles tun, um Cindys Rückkehr und das Überleben ihres Freundes Simon zu gewährleisten.
Nun stand sie vor dem Sarkophag. Er war aus Gold, kunstvoll verziert, und schimmerte im Schein der Taschenlampe. KC kam sich vor wie Howard Carter, der erste Mensch, der den Sarkophag von König Tutanchamun erblickt hatte. Sie schaute auf ein Geheimnis, das seit Jahrhunderten gehütet worden war. Die Reliefarbeiten waren von Meistern ihres Fachs geschaffen worden; es schien, als hätten sie ihre magische Kunst in eine Darstellung des Himmels eingearbeitet.
KC schob die Finger unter den Deckel, und die Versiegelung brach sofort auf. Das Gewicht war zu bewältigen, wie sie beim Anheben feststellte, doch sie machte den Deckel wieder zu und schaute sich noch einmal in dem Raum um, blickte auf den Reichtum und auf die Kunstwerke längst
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