Der Dieb der Finsternis
versunkener Epochen. Schließlich fiel ihr Blick noch einmal auf die Warnung an der Wand. Knechtschaft in der Hölle. KC dachte an die Ewigkeit und daran, wie es wohl sein würde, in die Unterwelt verbannt zu werden, und ob ein solcher Ort überhaupt existierte. Sie war im katholischen Glauben erzogen worden und hielt nach wie vor daran fest, wobei ihr bewusst war, dass sie bereits gegen zahllose Gebote verstoßen hatte. Aber manchmal ist man gezwungen, die Gesetze Gottes und der Menschen zu brechen, um diejenigen zu retten, die einem am nächsten stehen, ungeachtet der Konsequenzen.
Zur Hölle mit Flüchen und Warnungen!
KC hob den Sargdeckel an.
Sultan Selim II. lag aufgebahrt da. Er hatte sich längst nicht so gut gehalten wie seine Ehefrau. Sein Gesicht war eingefallen und an manchen Stellen zerbröselt. Das wenige Haar, das er noch besaß, war braun mit grauen Strähnen und sah aus, als hätten Ratten daran genagt. Sein kunstvoller Kopfputz war auf die Seite gerutscht, und gut die Hälfte seines Schädels steckte darin. Er trug einen weißen Umhang, der mit Goldfäden bestickt war, und um seine nicht existierende Taille war eine grüne Schärpe geschlungen. Sein verwitterter Leichnam bestand nur noch aus den Spelzen eines zerbröckelten Skeletts.
Mit seinen knochigen Händen umklammerte er den Stab, hielt ihn wie ein Zepter vor der Brust. Die Stange des Hermesstabes war aus dunklem Holz gefertigt; im Licht von KCs Taschenlampe besaß sie einen tiefroten Schimmer. Wie beschrieben, wanden sich zwei Schlangen an dem Stab empor; mit ihren Rubinaugen starrten sie einander mit tödlichem Blick an. Die silbernen Vipernzähne waren gefletscht.
KC hatte noch nie eine Leichenplünderung begangen und hatte auch noch niemals über die geisterbeschwörende Natur einer solchen Tat nachgedacht. Wären die Umstände auch nur ansatzweise andere gewesen, hätte sie das Ganze angewidert, aber das hier war etwas anderes. Das hier bedeutete, Menschenleben zu bewahren. Es bedeutete, ihre Schwester und Simon zu retten.
Sie griff mit beiden Händen in den Sarg, ergriff den Stab und hob ihn langsam an, aber das Skelett leistete Widerstand, als kämpfe es aus den Höhen des Himmels oder aus den Tiefen der Hölle mit ihr. Mit einem Mal hatte KC panische Angst, der tote König könnte sich plötzlich aufsetzen und sie mit seinen knöchernen Händen packen.
Dann aber ließ der Sultan plötzlich vom Stab ab – mit einem laut knackenden Geräusch. KC hob den Stab in die Luft und sah ihn sich genauer an. Die Schlangenköpfe waren so detailliert gearbeitet, dass man sogar die Schuppen auf der Haut sehen konnte. Und die roten Augen schienen lebendig zu werden und zu flackern, als sie darauf starrte.
Auf einmal wurde KC schwindelig und übel. Sie war umgeben von Tod und hatte in den Vorhof zur Hölle klettern müssen, um das Leben ihrer Schwester zu retten. Nun wurde ihr alles zu viel. Ihr Verstand war plötzlich so benebelt, dass sie benommen auf den Leichnam starrte, der vor ihr lag.
Sie riss sich zusammen, wandte den Blick ab und schob den Stab schnell in die Transportrolle aus Leder, die Michael ihr gegeben hatte. Dann versiegelte sie den Hermesstab in der luftdichten Röhre und schwor sich, ihn nie wieder anzusehen.
26.
I m gewaltigen Schatten der Hagia Sophia saß Busch hinter dem Steuer der Limousine. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren, um gegen die Hitze der Istanbuler Sommernacht anzukämpfen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite trafen weiterhin in Scharen die VIPs ein, um den Feierlichkeiten beizuwohnen: Würdenträger, Adelige, Istanbuls Großindustrielle – alle bewegten sich über den blauen Teppich in den Topkapi-Palast, als wären sie auf dem Weg zur Oscarverleihung.
Nach wie vor versuchte Busch, Michael über Funk zu erreichen, um ihn davor zu warnen, dass Iblis in den Topkapi-Palast gegangen war, jedoch vergebens. Busch war wütend, weil dieser mickerige Typ ihm mir nichts, dir nichts entwischt war.
Plötzlich wurde die Hintertür der Limousine aufgerissen, und eine völlig verdreckte KC rutschte auf den Rücksitz. Sie legte die blaue Reisetasche und ihre große Prada-Tasche mit den Handwerkszeugen auf den Boden, nahm die Mütze vom Kopf und schüttelte sich das lange blonde Haar aus.
»Und?«, fragte Busch.
KC griff nach der ledernen Transportrolle, wedelte damit und legte sie dann neben sich auf den Rücksitz.
»Wo ist Michael?« KC nahm sich ein Glas aus dem Barfach und füllte es zunächst mit
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