Der Dieb der Finsternis
sie sich unter den Arm.
»Warum schleppst du das mit?«, fragte Busch.
»Das ist meine Eintrittskarte«, erwiderte KC und öffnete die Wagentür.
»Eintrittskarte?« Busch schaute auf die andere Straßenseite, wo die Feierwütigen nach wie vor in den Topkapi-Palast strömten. »Du kannst da nicht rein, mit dem da schon mal gar nicht.« Busch wies auf die lederne Röhre.
»Meinst du? Na, dann schau mir mal genau zu.«
KC schlug die Wagentür zu.
Busch schüttelte den Kopf. »Immer sucht Michael sich die störrischsten Weiber aus.«
***
KC hatte sich völlig verwandelt. Aus der schmutzigen, staubigen Diebin war eine Frau geworden, die als Model durchging. Als sie die Straße überquerte und geradewegs auf den blauen Teppich zuhielt, bewegte sie sich, als wäre sie von königlichem Geblüt, strahlte Selbstsicherheit aus und besaß die Aura einer Berühmtheit. Sofort verrenkten die Leute sich die Köpfe, und es wurde gemurmelt und gerätselt. Alle versuchten dahinterzukommen, wer die Blondine mit den smaragdgrünen Augen war.
KC lief majestätischen Schrittes durch das Blitzlichtgewitter, vorüber an den Paparazzi und schnurstracks auf die Sicherheitsbeamten zu, ganz so, als wäre dies hier eine Party, die man ihr zu Ehren gab.
»Guten Abend, meine Herren.«
Drei Wachmänner bedienten einen Metalldetektor, der ebenso groß war wie die Geräte, die an Flughäfen benutzt wurden. Sie trugen hellbraune Uniformen und die Hüte mit schwarzer Krempe der lokalen Polizei. An ihren Hüftgurten hingen Pistolen. Sie musterten KC mit misstrauischen Blicken.
»Ich habe meine Einladung nicht dabei«, sagte sie, öffnete ihre Handtasche und griff hinein.
»Es tut mir leid, junge Frau, aber …«
KC reichte dem Wachmann eine aufgeklappte Brieftasche, die außer ihrem Personalausweis einen Bildausweis enthielt. Der Mann sah sich die Dokumente genauestens an. »Die Europäische Union …?«
KC lächelte, und ihr Gesicht nahm einen Ausdruck an, der schlichtweg entwaffnend war, weil sie ihn im Verlauf langjähriger Betrugserfahrung erprobt hatte. Geübt in der Kunst, ihre weiblichen Reize erfolgreich zum Einsatz zu bringen, warf sie einen Blick auf den Bildausweis des Wachmanns. »Yasim«, sprach sie ihn mit seinem Vornamen an, als wäre er ein Vertrauter und dürfe sich deshalb getrost entspannen, »ich habe das hier im Auftrag des Schweizer EU-Präsidenten Ulle Regio zu überbringen, der dieses historische Objekt damit in seine Heimat zurückkehren lässt. Es ist das offizielle Willkommensgeschenk an die Türkei. Von der gesamten Europäischen Union.«
Die beiden anderen Wachen sahen ihren Vorgesetzten an. Dieser bedeutete KC, die Lederröhre zu öffnen.
KC hob die Klappe und die Abdeckung an, sodass der Stab mit den Schlangen sichtbar wurde. Die Köpfe mit den Silberzähnen und Rubinaugen funkelten im hellen Licht der Scheinwerfer.
KC lächelte weiter, obwohl sie gegen Übelkeit ankämpfen musste: Der Stab, den sie sich niemals wieder hatte ansehen wollen, starrte sie ihrerseits an, und plötzlich bekam sie panische Angst und am ganzen Körper Gänsehaut. Sie hoffte, dass es den Sicherheitsbeamten nicht ebenso erging. »Wenn ich das nicht übergebe, wäre es für alle dermaßen peinlich, dass es das Ende meiner Karriere bedeuten würde.«
Yasim starrte KC regungslos an. KC hielt seinem Blick stand und lächelte weiterhin entwaffnend. Der Augenblick schien sich endlos zu dehnen. Schließlich wandte Yasim den Blick ab und schaute wieder auf KCs Personalausweis. Dann klappte er die Brieftasche zu, gab sie ihr zurück, nickte und ließ sie passieren.
»Vielen Dank.« KC lächelte den Mann an und verschloss die Lederröhre. Yasim winkte KC um den Metalldetektor herum und führte sie durch den Torbogen in den Janitscharenhof.
KC betrat den Empfangsbereich und folgte der Menschenmenge in Richtung des Begrüßungstores. Der Gehweg wurde von brennenden Fackeln gesäumt, deren orangefarbener Glanz den antiken Bauten einen goldenen Hauch verlieh, während die schwarzen Rauchfähnchen in den Himmel stiegen.
Auf dem Weg zum zweiten Tor scherte KC unvermittelt nach links aus und trat hinter den Bereich, der von den Fackeln erhellt wurde. Sie griff in ihre Handtasche, tat so, als müsse sie ihr Make-up auffrischen, und ließ dabei den Blick über das Gelände schweifen. Die Menschenmassen waren unterwegs zum Begrüßungstor, um in den zweiten Hof zu gelangen, wo die Hauptfeierlichkeiten stattfanden.
KC beobachtete, wie mehrere
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