Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der Dieb der Finsternis

Der Dieb der Finsternis

Titel: Der Dieb der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Doetsch
Vom Netzwerk:
hinauf.
    »Hört sich so an, als wärst du außer Atem«, meinte KC. »So wie damals, als ich dich beim Basketball besiegt habe.«
    Busch lachte. »Davon hast du mir gar nichts erzählt!«
    »Weil es nicht stimmt.« Michael erreichte den Fuß der zehn Meter hohen Mauer, die sich vor ihm aus der Dunkelheit erhob. »Genug gequatscht.«
    »He, du hast mit der Quatscherei angefangen«, schimpfte KC.
    »Er verliert nicht gerne«, sagte Busch. »Da ist er empfindlich.«
    Michael schaltete sein Walkie-Talkie aus, blickte an der Mauer empor, die vor ihm aufragte, und begann mit der Klettertour.
***
    KC, schick gekleidet in einer engen schwarzen Hose und hautengem dunklem Oberteil, lief über einen kopfsteingepflasterten Gehweg, der durch eine weitläufige Parkanlage führte. Um ihren Hals baumelte eine Kamera. Über der Schulter trug sie die blaue Reisetasche und in der linken Hand eine große schwarze Handtasche. Ihr langes blondes Haar fiel ihr offen über den Rücken und schimmerte in der abendlichen Beleuchtung der Anlage. Sie sah genau so aus, wie man sich eine Touristin vorstellte. Hin und wieder blieb sie stehen, um Fotos von der Hagia Sophia zu machen, die sich in unmittelbarer Nähe vor ihr erhob. Da die vier Minarette über Nacht beleuchtet wurden, sah es aus, als wachten sie über den antiken Kuppelbau.
    Ein Pärchen, das vermutlich auf der Hochzeitsreise war, saß auf einer Bank und besiegelte mit einem innigen Kuss ihr neues gemeinsames Leben. KC konnte nicht anders und starrte die beiden an, als sie an ihnen vorüberging. Ihr selbst waren Gedanken an Liebe und Ehe fremd; sie glaubte nicht, beides jemals zu erleben. Doch während sie das bisher für die Schuld des Schicksals gehalten hatte, gab sie sich mittlerweile selbst die Verantwortung dafür. Sie hatte sich von Michael getrennt, hatte ihm gesagt, dass sie emotional nicht bereit und nicht in der Lage sei, ihrer beider Beziehung weiterzuführen.
    Doch als sie jetzt darüber nachdachte, wurde ihr bewusst, dass der wahre Grund die Angst gewesen war, eine Bindung einzugehen, Angst davor, Liebe und Glück zu finden. Diese Angst hatte sie dazu getrieben, Michael gegenüber zu behaupten, die Lücke nicht füllen zu können, die der Tod seiner Ehefrau hinterlassen hatte. Das war der Grund dafür gewesen, dass sie am Nachmittag so ausgerastet war. Sie war auf sich selbst wütend gewesen, auf die Lage, in der sie sich befand, nicht auf Michael.
    KC verdrängte ihr Selbstmitleid. Sie und Michael würden sich schon irgendwie zusammenraufen. Ihre Beziehung war noch nicht zu Ende. Sie würden einen Weg finden.
    Aber das Wichtigste zuerst.
    Die Bewachung der Hagia Sophia war, wenn man überhaupt davon sprechen wollte, minimal. Obwohl das Bauwerk eine große historische Bedeutung hatte, war es im Allgemeinen nur für Touristen interessant. Sämtliches Wachpersonal hatte man auf den Topkapi-Palast konzentriert.
    Abgesehen von den küssenden Flitterwöchnern war keine Menschenseele auf dem von Mauern umschlossenen Gelände der Hagia Sophia. Es schien, als wären aller Augen auf den Gebäudekomplex auf der anderen Straßenseite gerichtet, wo die Reichen und Mächtigen zur EU-Party kamen.
    Aller Augen – auch die von Iblis. Deren Blick bohrte sich mit solcher Schärfe in KCs Hinterkopf, dass sie es körperlich spüren konnte.
***
    Busch beobachtete Iblis durch das Fernglas, während Iblis seinerseits KC im Visier hielt, die auf der anderen Straßenseite soeben durch die Parkanlage der Hagia Sophia lief. Iblis saß ungefähr einhundert Meter entfernt hinter dem Steuer seines gelben Taxis. Die Dachbeleuchtung war wie immer abgestellt. Busch war ihm aus sicherer Entfernung gefolgt, nachdem er ihn vor dem Hotel erspäht hatte. KC war um 20.45 Uhr aus der Hotelhalle gekommen, bepackt mit ihrem Handwerkszeug. Sie war den kurzen Weg zum Moscheenmuseum zu Fuß gegangen. Iblis hatte den Motor angelassen und war ihr gefolgt; ob sie bemerkte, dass er da war, schien ihn überhaupt nicht zu interessieren … Wie Busch aufging, wollte Iblis sogar, dass KC wusste, dass er sie beobachtete. Damit hielt er sie permanent unter Druck, weil er über jeden ihrer Schritte informiert war.
    Iblis kurvte um die Anlage der ehemaligen Moschee herum und fädelte sich schließlich in den gewaltigen Verkehrsstau ein, der sich vor dem Topkapi-Palast gebildet hatte. Es ging nur im Schritttempo voran, was Busch die Arbeit allerdings um ein Vielfaches erleichterte. Die meisten Fahrzeuge auf dem Babı Hümayun

Weitere Kostenlose Bücher