Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der Dieb der Finsternis

Der Dieb der Finsternis

Titel: Der Dieb der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Doetsch
Vom Netzwerk:
viereinhalb Meter hohen Mauern der heiligen Stätte war still und schlief, was in krassem Kontrast stand zu der betriebsamen Welt draußen, deren Lärm herüberdrang, als wollte sie KC auf diese Weise daran erinnern, dass sie sich trotz allem immer noch in der heutigen Zeit befand. Der Hauptgehweg verlief von der Seitentür des Museums zur Mitte des Hofes, vorüber an den drei Grabmalen, und endete vor dem großen verschlossenen Tor, das auf den Parkplatz führte.
    KC ging in der Dunkelheit auf die Knie und hockte sich hinter dem Stamm einer Zypresse mit dem Rücken zur steinernen Wand der Moschee. Sie schaute auf ihre Armbanduhr; die Wachen hatten bisher zweimal einen Rundgang auf dem Gelände gemacht, im Abstand von jeweils zwanzig Minuten. Doch ihre Aufmerksamkeit war lasch, da kaum die Gefahr bestand, dass in eines der drei Mausoleen eingebrochen wurde.
    Da KC die Routine des Wachpersonals nun fast eine Stunde lang beobachtet hatte, war ihr viel Zeit zum Nachdenken geblieben. Sie musste sich zwingen, die Konzentration aufrechtzuerhalten, statt sich in Sorge um Cindy und Simon zu ergehen, und an die Gefahr zu denken, in der sie sich befanden. KC wusste, dass sie versagen würde, wenn sie sich ablenken ließ, und wenn das geschah …
    Sie verscheuchte diese Gedanken und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Tür, durch die man in Selims Mausoleum gelangte, das sich auf der anderen Seite des Hofes befand.
***
    Michael tauchte in dem Vorraum auf. Das Licht seiner Taschenlampe tanzte auf der Wasseroberfläche. Er sah sich kurz in der kleineren Zisterne um, die sich neben dem höhlenartigen Schacht befand, in den er sich abgeseilt hatte. Das Wasser kam ihm kälter vor. Es fühlte sich an, als würden Messerklingen seine Haut ritzen.
    Michael hievte sich auf den östlichen Rand des Wasserbeckens und zog den Reißverschluss seiner Tasche auf. Er griff hinein, nahm eine Hand voll Leuchtstäbe heraus, warf sie auf den Gehweg und illuminierte damit die Höhle aus Stein und Ziegeln. In voller Beleuchtung wirkte sie wie eine verzauberte Grotte. Das orangerote Licht schimmerte auf dem glasklaren Wasser und spiegelte sich an der gewölbten Decke. Die Akustik ließ sein Atmen lauter klingen und verstärkte auch das Platschen der Wassertropfen, die dann und wann von der Decke fielen. Es war leicht, sich vorzustellen, wie fünfhundert Jahre zuvor die Eunuchen und Haremsdamen über diesen Gehweg gehuscht waren. Michael fragte sich, ob das Echo ihrer Stimmen vielleicht immer noch in den Steinwänden hing.
    Er stand auf und fuhr mit den Händen über die Mauer. Der Türrahmen war nicht nur versiegelt worden; man hatte eine ganz neue Trennwand aus Stein und Mörtel gebaut. Sie reichte vom Rand des Gehwegs bis zur Decke, war viereinhalb Meter hoch und zwölf Meter breit.
    Michael griff in die Tauchtasche und zog die Sprengstoffrollen heraus, die wie Nylonseile aussahen, allerdings aus knetbarem Nitropenta bestanden, das mit weichem Stoff umwickelt war. Dieser Sprengstoff wurde vor allem beim Abriss von Gebäuden benutzt, denn er konnte mit chirurgischer Präzision eingesetzt werden, sodass die Sprengkraft gezielt Fundamente oder Stahlträger zerriss. Michael nahm vier jeweils mannsgroße Stücke und drückte sie in einem Abstand von anderthalb Metern ungefähr einen Meter über dem Boden in die Mörtelfugen. Dann schob er dünne Metallplättchen jeweils in die Mitte der einzelnen Schnurstücke. Jede dieser elektronischen Zündkapseln war mit einem kleinen Empfänger ausgestattet, der auf das Signal des Zünders reagierte.
    Dadurch, dass Michael den Sprengstoff verteilte, würde er nur kleine Teile der Wand zerstören und auf diese Weise verhindern, dass die gesamte Fassade einstürzte, was nicht nur seiner Mission, sondern auch seinem Leben ein Ende gesetzt hätte.
    Michael lief zur anderen Seite der Zisterne – über die Leuchtstäbe hinweg, die auf dem Gehweg verstreut lagen, – und sprang wieder in das anderthalb Meter tiefe Wasser. In der rechten Hand hielt er einen wasserfesten Funkzünder, der kleiner und praktischer war als die altertümlichen TNT-Kolben. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, legte Michael den Sicherheitshebel um, drückte auf den grünen Knopf und tauchte unter Wasser.
    Die fünf Bereiche der Wand explodierten zeitgleich. Der Mörtel und das Felsgestein schossen durch die gesamte Zisterne. Fünf Feuerbälle jagten in die Höhe und züngelten an der gewölbten Decke. Der Sprengstoff leistete präzise

Weitere Kostenlose Bücher