Der dreizehnte Apostel
sicher nicht nur wohlhabend, sondern auch sehr intelligent.
»Für diese Kneipe zu gut«, meinte Tracy. »Vielleicht ist er Erbe einer griechischen Reederei. Er sieht zu uns her«, quiekte sie und barg ihren Kopf an Lucys Schulter. »Schau, was du gemacht hast! Er kommt rüber zu uns …«
Lucy und Tracy nahmen sich zusammen.
»Hallo«, sagte der Mann in einem klangvollen Bariton, der beide Frauen schwach machte. Er hatte nur einen leichten Akzent und sprach die Vokale abgerundet aus. Ob er in England aufgewachsen war? »Es scheint, daß man mich versetzt hat. Also könnte ich mich vielleicht mit Ihnen unterhalten. Wenn Sie möchten.«
Ganz gentlemanlike, dachte Lucy. Mediterraner Al-te-Welt-Charme – kein Hinterngekneife oder johlendes Kriegsgeschrei wie von der niedrigsten Sorte. »Bitte, setzen Sie sich zu uns«, sagte Lucy und deutete auf einen freien Barhocker.
»Kann ich Ihnen etwas zu trinken spendieren?« fragte Tracy mutig. Er lachte. »Eigentlich sollte doch der Mann der Frau einen Drink spendieren, nicht wahr?«
»Wir leben in einer modernen Welt«, zirpte Tracy. Aber in diesem Augenblick kam Derek herange schlendert und sah sie finster an. »Ich dachte, du bist an die Bar gegangen, um mir ’nen Drink zu holen, nicht um dort Kaffeeklatsch zu halten.«
»Ich komme, ich komme ja schon – was für eine verdammte Frechheit.«
»Du bist unverschämt frech …«
Die beiden kehrten an ihren Tisch zurück, um zu streiten. Manche Leute leben doch nicht in einer ganz so modernen Welt, dachte Lucy. »So einen Jungen habe ich schon öfter gesehen«, bemerkte der attraktive Fremde. »Oft schon, in England. Nicht ihn persönlich, aber genau den Typ.«
»Ja«, stimmte Lucy zu und versuchte, nicht nervös zu wirken. »Den Typ habe ich in England auch ein paarmal gesehen.«
»Sie waren in England?«
»Ich war … äh, ich hatte eine Stelle als Gastdozen tin an der Oxford University.« Plötzlich fielen ihr keine Namen von Colleges mehr ein, mit denen sie sich in Verbindung bringen konnte.
»Wie bedauerlich für Sie«, sagte er tröstend. »Für uns beide. Bedauerlich für Sie, weil Oxford nun eben Oxford ist. Bedauerlich für mich, weil ich Sie hätte kennenlernen können, wenn Sie nach Cambridge gekommen wären.«
Lucy lächelte. »Ich habe mich schon gefragt, warum Sie so perfekt Englisch sprechen.«
»Ach, es ist bei weitem nicht perfekt. Aber nun muss ich meinen Bruder suchen …« Der Fremde stand auf.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Lucy Stavros, der in seinem geliebten Muskelshirt und engen Jeans in den Club geschlendert kam. »O bitte«, sagte sie rasch, »wollen Sie nicht zumindest auf einen kurzen Drink bleiben? Ich kann nicht zulassen, daß Sie Oxfords Ehre verleumden – ein Ort, der Cambridge weit überlegen ist, wie Sie sicher wissen.« Der Mann lachte, setzte sich aber nicht wieder hin. Stavros hatte sie erspäht.
»Ich muss gehen, aber vielleicht komme ich wieder, ja?« meinte der Fremde.
»O bitte«, lächelte sie, als sie sah, daß Stavros ihren Gesprächspartner unglücklich anstarrte.
Der Fremde verbeugte sich leicht und ging zum Ausgang, vorbei an Stavros, der im Vergleich zu ihm erst recht wie ein unreifer, übertrieben herausgeputzter Jugendlicher aussah. Mit gerunzelter Stirn kam Stavros zu Lucy. »Wer war das?«
Verdammt, sie wusste den Namen nicht. »Einfach irgendjemand .«
»Wo warst du heute Nachmittag ?« fragte Stavros. »Ich habe gewartet, daß du kommst und etwas zu essen mitbringst.«
»Ich war an deiner Tür.« Er machte ein Klopfzeichen. »Du warst nicht da.«
Gut, sie hatte ziemlich tief geschlafen. »Ich war den ganzen Nachmittag da«, sagte sie trotzdem, »und ich habe dich nicht klopfen hören.«
»Ich bin dann in mein Zimmer gegangen und habe auch geschlafen, ja?«
»War das, bevor oder nachdem du zu den deutschen Tussis am Surfbrettstand gegangen bist?«
»Tussis? Ich verstehe nicht …«
Sie wiederholte es, bis sie erkannte, daß er nur so tat, als verstehe er das Wort nicht.
»Ich habe viele Freundschaften«, verteidigte er sich. »Ich auch«, erwiderte sie.
WW
W
O’Hanrahans dunkle Nacht der Seele.
Er saß am Rand eines Felsens und schätzte den Weg ab, der vor ihm lag. Die Schatten wurden länger, und bald würde er blind dahinwandern müssen. Wenn er der Küste gefolgt wäre, könnte er nun viel
leicht im Mondlicht weitergehen, aber nun war es unmöglich, wieder an den Strand zu kommen … Vielleicht konnte er auf dem Boden schlafen.
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