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Der dreizehnte Apostel

Der dreizehnte Apostel

Titel: Der dreizehnte Apostel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wilton Barnhardt
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Mit den Wölfen. Und den Klapperschlangen – hier war einer der letzten Orte in Europa, wo es sie gab. Oder er konnte einfach hier sitzenbleiben, sich an den Felsen lehnen, bis er einschlief, und beim ersten Tageslicht weitermarschieren.
    Das Zwielicht wich der Dunkelheit, die sich um die Wälder Schloss . Nur über ihm, durch die Wipfel der Pinien, konnte er d as Tiefblau des Nachthimmels se hen. Die Pinien rauschten, Blätter raschelten, und er redete sich ein, er höre Tiere näher kommen. Hin und wieder rüttelte ein unheimlicher Windstoß in den Baumkronen, als sei dort irgendein bewusstes Wesen, eine verärgerte, lange nicht mehr beachtete griechische Gottheit.
    (Was ist mit dem lange nicht mehr beachteten Gott Abrahams?)
    Ich bin wie der bibbernde heilige Antonius in der Wüste, dachte O’Hanrahan und steckte die Hände unter die Achseln, um sich vor der Kälte zu schützen. Ich habe Hunger, ich sehe alles Mögliche , ich höre alles Mögliche …
    (Wenn Antonius Furcht verspürte, betete er zu Uns.)
    Nein, mein Herr, ich werde nicht beten. Himmel, Himmel, ich habe so Angst vor der Dunkelheit. Wenn ein Mensch plötzlich auf Gebete und Religion zurückgreift, ist er meistens dumm und unzulänglich.
    (Aber Menschen sind unzulänglich.)
    Es ist entwürdigend. Wie kann irgendjemand an eine religiöse Erfahrung glauben, wenn es neun von zehn Malen in Extremsituationen passiert? Person A findet Gott, wenn das Flugzeug gerade abstürzt. Person B hat Krebs und noch sechs Monate zu leben – und was geschieht? Sie findet Gott. Person C ist sechs Tage lang in einer Mine verschüttet und – große Überraschung – findet Gott. Ich meine, ist das nicht ein kleines bisschen verdächtig? Nein, ich will dir was sagen, wenn ich an der Spitze bin, wenn ich erfolgreich bin und klar denke, dann werde ich Gott viel
    leicht eine Chance geben.
    (Mach, was du willst.)
    Wie mein Vater sagte: »Sei ein Mann.« Als ich klein war, hatte ich Angst im Dunkeln. Ich lag wimmernd in meinem Zimmer, bis schließlich meine gute, leidende Mutter kam, meine liebe, liebevolle Mutter …
    (Deine Mutter ist hier bei Uns.)
    O’Hanrahan sah ihr sanftes, nachsichtiges Gesicht vor sich. Er erinnerte sich. Meine Mutter stand auf und kam zu mir, tröstete mich, las mir vor.
    In dem Licht der kleinen Nachttischlampe sah sie so alt aus. Wie viele Frauen ihrer Generation ließ sie sich nie das Haar schneiden, sondern flocht es morgens ordentlich und steckte es auf dem Kopf fest. Aber abends, in ihrem verschossenen Flanellnacht hemd , ohne Brille, ohne die ihr Gesicht so verletzlich wirkte, wenn sie mit ihrem langen offenen Silberhaar in mein Zimmer sah … dann sah sie immer aus, als sei sie traurig meinetwegen. Warum schläft mein kleiner Paddy nicht und träumt etwas Schönes, fragte sie. Was nehmen wir denn, fragte sie und griff nach dem Buch mit den Bibelgeschichten, dem Buch mit den bunten Bildern von Wundern und dem leidenden und blutenden Christus.
    (So hat dein Interesse an Uns begonnen.) Mein Vater dagegen war hart, auf Disziplin bedacht. Lieblos, so wie sein eigener Vater gewesen war. (Was meinst du, was dein Sohn über dich sagen würde?) Mein Vater weigerte sich, ein Nachtlicht für mich zu kaufen. Und wenn er mich erwischte, wie ich die
    Nachttischlampe brennen ließ und wertvolle Energie verschwendete, schraubte er die Birne heraus und fluchte, wenn er sich die Hände daran verbrannte. Und einmal … warum fällt mir das jetzt wieder ein? Einmal hat er mich in den Schrank gesperrt und gesagt:
    »Jetzt sei einmal ein Mann … Und komm nicht raus, bevor du dich nicht verhalten kannst wie ein Mann.« Und der Schrank war gar nicht so dunkel, und ich hatte keine Angst, sondern fühlte mich nur gedemütigt, daher beschloss ich, darin sitzen zu bleiben, bis ich sterben würde. Und ich wäre nie herausgekommen, wenn ich nicht das unterdrückte Weinen meiner Mutter gehört hätte, und so kam ich heraus, um sie zu trösten.
    Über ein gottverdammtes halbes Jahrhundert ist das her! Ein ganz anderes Leben!
    (Nein, kein ganz anderes Leben.)
    Ich habe meinen Vater lange Zeit gehasst . Dann hatte ich Mitleid mit ihm.
    Die Liebe eines Sohnes kann Hass und Streit, Gewalt und Misshandlung überleben, aber keine Sohnesliebe überlebt das Gefühl des Mitleids für den Vater. Zu meinen Gunsten kann ich sagen, daß mein Sohn Rudy mich niemals mitleiderregend gefunden hat. Er
    mag mich gehasst haben, aber er hatte nie Mitleid mit mir.
    (Dein Sohn hatte Mitleid

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