Der dreizehnte Apostel
ein denkender Katholik, ein Mensch mit wachem Hirn bin!
(Du schreibst deine eigene Geschichte um. Es gab auch einen idealistischen Patrick, der die Welt zu verbessern hoffte, der eine spirituelle Gottesvorstel lung liebte, losgelöst von allem geistlichen Quatsch der Kirche. Du erinnerst dich nicht mehr, was für eine freundliche Seele du als Kind hattest, damals, als man dich gefirmt hat.)
Jesses, meine Firmung. Auf der einen Seite die Frauen, nichts als Frömmigkeit, Maria und alle Heiligen beschützet uns, lauter ungeliebte, selbstgerechte alte Schachteln, die von ihren Männern seit Jahren nicht mehr angerührt worden waren; und die Männer, eine flegelhafte Bande von betrunkenen, irreligiösen Wracks. Zwanzig Minuten nach dem völlig überflüssigen Streit beim Empfang in der Kirche fand ein erzwungenes Treffen statt, irgendjemand brachte meinen Vater und wer immer sonst noch in den Streit verwickelt war – meistens mein Vater und Onkel Kenny – dazu, einander die Hände zu schütteln, und dann umarmten sie sich.
»He, Kenny, mein Freund«, schmachtete mein Vater dann, und unvermeidlich ging es weiter: »Komm, schau dir meinen kleinen Sohnemann an! Meinen Stolz und meine Freude! Ein ganz Gescheiter ist das, er wird’s einmal weiter bringen als sein alter Herr, wie? Paddy, Paddy, mein Junge, komm, lern deinen Onkel Kenny kennen!«
Und zum dritten mal an jenem Tag, zum hundertsten Mal in meinem Leben wurde ich vorgestellt, man zerzauste mir das Haar, blies mir Whiskyatem ins Gesicht, das Vorspiel dazu, daß ein anderer Verwandter versuchte, mir auch einen Schluck Whisky einzuflößen, während die Frauen protestierend kreischten, und das war das Beste, was ich erwarten konnte: das einzige Mal, daß sich mein Vater zu mir bekannte. Stockbetrunken war er am nächsten daran, mir zu sagen, daß er mich liebte.
(Wie nahe warst du denn daran?)
Verdammt, diese anklagenden Predigten des Gewissens, diese Stimmen der Nacht! Welche Schuld sollte ich fühlen? Ich habe ihn geehrt, oder nicht? Ich habe ihn geliebt, so gut ich das konnte, so wie ich nun einmal war. Ich habe nie offen mit ihm gestritten, ich habe immer nachgegeben und ihn ignoriert. Ich habe ihm den Respekt gegeben, den ich ihm schuldig war.
Außerdem konnte man ebenso wenig zu ihm durchdringen, wie man mit einer Zeichentrickfigur auf der Leinwand reden kann. Wenn er einmal in der Küche von seiner Kaffeetasse aufgesehen und gesagt hätte: »Sohn, ich weiß nicht, was das Leben eigentlich soll«. Oder wenn er die Wettkämpfe im Radio abgeschaltet und gesagt hätte: »Sohn, glaubst du, daß über uns kein Gott ist?« Dann hätte ich ihn getröstet, mit ihm geredet, all meine armselige Weisheit gegeben, um den Mann aufzurichten. Aber er hatte nie in seinem Leben einen höheren Gedanken!
Immer hieß es: »Dein alter Herr weiß, wie man mit diesen Stadttypen, mit diesen Bonzen umgehen muss , lasse mich reden …«, kurz bevor der Versicherungs mann eine seiner Forderungen ablehnte. Immer hieß es: »Jacky Doyle ist der beste Mann seiner Zeit, und ich setze mein Leben und mein Geld auf ihn – he, ich wünschte nur, ich hätte dem Mann die doppelte Summe leihen können«, kurz bevor Mr. Doyle völlig pleite ging. Immer dieselben unoriginellen, unmöglichen, endlosen Tricks hinter dem Rücken meiner Mutter: Sie kippte den Schnaps aus, er schmuggelte wieder einen in die Wohnung. Wenn er Geld hatte, lieh er das Geld am selben Abend wieder her und spielte an der Bar den großen Maxe; wenn er heimkam, log er dann irgend etwas zusammen. Wie kann ein Mann mit Hirn tausendmal denselben blöden, typisch irischen Fehler machen?
(Hätte er perfekt sein müssen, damit du ihn liebst?)
Gott, plötzlich sehe ich mich selbst, pedantisch und proper, mit leiser Stimme wie der Direktor einer Be stattungsfirma , mit meinem frommen Novizenkra gen , wie ich vom Loyola heimkam, um meine Mutter zu besuchen. War ich dermaßen überheblich? O bitte, sag mir, daß ich nicht so herumgelaufen bin, sag mir, daß ich mehr Leben in mir hatte, lasse uns so tun, als sei ich immer so gewesen wie jetzt. Wie muss ich in seinen Augen ausgesehen haben … Zumindest war meine Mutter stolz auf mich …
(Und worum bat sie dich, ehe du an die Amerikanische Universität in Beirut gegangen bist?)
Sie wollte … sie wollte, daß ich ein wenig Zeit mit meinem Vater verbringe, der alt und vergesslich ge worden war, sie wollte, daß wir Frieden schlossen. Und dann, Jahre später, als ich in Korea war,
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