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Der dreizehnte Apostel

Der dreizehnte Apostel

Titel: Der dreizehnte Apostel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wilton Barnhardt
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starb sie, meine gesegnete, ausgelaugte Mutter. Und meine Schwester Catherine, die sie gepflegt und zu Hause zwei Jahre lang den Haushalt geführt hatte, trieb meinen Vater vermutlich in den Wahnsinn. Sie wollte sich um die Familie kümmern, die Nachlässigkeiten meiner Mutter korrigieren, meinem Vater sein Maß an Strafe und Verachtung verpassen, meinem armen Vater …
    (Endlich eine Regung des Mitleids?)
    Und in den ersten sechs Monaten nach dem Tod meiner Mutter, einer Frau, die er sechsundvierzig Jahre lang schlecht behandelt und angebrüllt hatte, trank sich mein Vater zu Tode. Ich habe es vor Augen, wie Catherine auf die gekrümmt am Boden liegende Gestalt hinuntersah, den Rosenkranz in der Hand, und ihm Vorhaltungen machte. Obwohl ich es nicht gesehen habe. Ich bin nicht heimgefahren, um irgendetwas davon zu sehen. Ich habe nie um Urlaub gebeten. Ich konnte es nicht ertragen zuzusehen. Was hatte ich ihm schon zu sagen? Mein Zuhause war der Ort, wo meine Mutter lebte, und als sie tot war, gab es in Chicago kein Zuhause mehr für mich.
    In der tiefen Dunkelheit traten O’Hanrahan Tränen in die Augen. O Patrick O’Hanrahan senior, wie waren deine letzten Tage für dich? Wie hast du dem Nahen des Endes ins Auge gesehen, den halberfüllten Versprechen an dich selbst, den hoffnungslosen Fehlschlägen, dem Auslöschen aller Möglichkeiten? Hast du gewusst , welche Flasche deine letzte war? Du hast deinem Sohn nie gesagt, wie man mit diesem Teil umgeht, dieser Sache mit dem Sterben. Wie alles, was ich je getan habe, werde ich auch das, genau wie du, allein tun müssen. Warum hast du es so elend enden lassen? In einem Rinnstein in einer Gasse neben der Bar, die dir den Hahn zugedreht hatte … Hast du einfach gedacht, na schön, hier ist ein Plätzchen, ich glaube, ich leg’ mich ein bisschen hin und sterbe heute Nacht ? Ich würde alles darum geben, um zu wissen, was du gedacht hast.
    (Er hat an seinen Sohn gedacht. Seinen Sohn, auf den er stolz war, den er so sehr noch einmal zu sehen gehofft hatte, bevor er starb. Er dachte: Wenn ich morgen früh aufwache, wird mein lieber Paddy junior vor seinem lieben alten Dad stehen. Er wird kommen, dich grüßen und seinen armen alten Vater heimbringen.)
    O’Hanrahan weinte.
    20. Juli 1990
    Lucy, die vermutete, O’Hanrahan habe einfach die Tage verwechselt, wartete mittags wieder in der Halle des Hotel Poseidon auf den vereinbarten Telefonanruf. Nichts. Auch heute keine Nachricht.
    Sie ging in ein Lokal, aß einen Bauernsalat, machte die Runde zum Zeitungskiosk, zum Strand, vorbei an den drei nebeneinanderliegenden Cafes und las dann ein paar Seiten in So heiß brennt die Sonne. Anschließend ging sie zurück zum Hotel und fragte erneut, ob ein Anruf oder eine Nachricht gekommen sei. Nichts.
    Sie ging wieder und suchte Stavros. »Was glaubst du, wo er sein kann?« fragte sie ihn.
    »Vielleicht geht das Telefon nicht?«
    Vielleicht. Ein bisschen altmodisch dort auf der Insel. Lucy wusste nicht, was sie tun sollte. Wenn alle Stricke reißen, dachte sie, könnte ich Stavros hinüberschicken, damit er sich umsieht.
    »Nein«, sagte der, als sie den Vorschlag machte. »Keine Religion, nein.« Dann schmiegte er sich enger an sie und legte ihr unanständig die Hand auf den Hintern.
    Sie machte sich lachend los, weil eine ältere Frau ihr einen unfreundlichen Blick zugeworfen hatte. »Nein, nicht hier«, erklärte sie sittsam.
    »Bräunst du dich heute wieder?«
    »Ja, vielleicht tue ich etwas für meine Bräune.«
    Sie gingen wieder zurück zum Poseidon. Lucy hatte das Gefühl, daß Stavros nicht so ganz wollte, aber eine hochnäsige Abfuhr von einer der Rheintöchter gegen eine sichere Sache mit Lucy abgewogen hatte.
    Ich fange an, mich an die Gesellschaft dieses Jungen zu gewöhnen, dachte Lucy. Ich könnte es einreißen lassen, mit ihm zu schlafen, gegen besseres Wissen – schön, wer weiß, ob er überhaupt noch will. Lucy nahm seine Hand, als sie am Meer entlanggingen, aber Stavros drückte sie nur kurz und ließ sie dann wieder los, um die Hände in die Taschen zu stecken. Es soll nicht so aussehen, als ob er in festen Händen ist, dachte Lucy, falls eine andere im Ort ihn haben will. Sie spürte zuerst einen Stich der Eifersucht, dann der Minderwertigkeit, aber sie versuchte, diese Gefühle zu ignorieren. Mit den Folgen werde ich mich später befassen, dachte sie und schloss die Augen, das Gesicht der Sonne zugewandt.
    »Zeit für deine Bräune?« fragte er.
    Sie warf

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