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Der dreizehnte Apostel

Der dreizehnte Apostel

Titel: Der dreizehnte Apostel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wilton Barnhardt
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ihm einen einladenden Blick zu. Gott, war er schön. Sie wollte ihn mit den Augen verschlingen, das Bild behalten für alle Zukunft, wenn er nicht mehr bei ihr sein würde, für all die verpassten Gelegenheiten in ihrer Vergangenheit.
    »Ich wollte einmal Nonne werden«, erzählte sie, als sie die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufgingen.
    Stavros lachte. »Zu spät.«
    Als sie im Zimmer waren, packte sie ihn spielerisch, presste ihn gegen die Tür, kuschelte sich an seine Brust und knöpfte sein Hemd auf. Weg mit dem albernen Mädchen, das es einmal gegeben hat, dachte sie. Weg damit, jetzt und für immer!
     
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    Verirrt! Danke, Gesegnete Jungfrau! Du erscheinst jedem schizophrenen Teenager, jedem sexuell neurotischen Spinner im Mittelmeerraum, aber du kannst Patrick O’Hanrahan nicht einmal eine einfache Richtung angeben!
    (Ist das eine A rt, mit der Magd des Herrn zu re den?)
    Ich müsste eigentlich schon tot sein. Nein, noch keine Geier, die über mir kreisen, aber ihr Festmahl ist bald angerichtet … O’Hanrahan lachte über sich selbst, wie im Fieber. Was für eine Art zu sterben! Wenn ich nur Wasser finden könnte, würde ich mich jedem und allem ausliefern, egal wie …
    Nein. Nein, das war ein Augenblick der Schwäche. Ich bin wieder von den Teufeln versucht worden. Aber Gott hilf mir, sieh dir diese Landschaft an. Hinunter und den nächsten Berg hinauf, das wird den ganzen Nachmittag dauern, bei dieser Hitze, und was wird von mir bleiben? Ich könnte stolpern und mir den Knöchel verstauchen, hier liegen, bis ich verfaule. In der anderen Richtung das gleiche. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob dieser sogenannte Weg wirklich ein Weg oder einfach die natürliche Lichtung auf der Spitze dieses Kamms ist. Ich bin zu alt für so etwas – vielleicht wird diese komische Sterbeszene im Gelehr tenregister vermerkt, das heißt, wenn ich noch bedeutend genug wäre, um darin aufgelistet zu sein. Ich kann von Glück reden, wenn ich eine schön gedruckte Todesanzeige in der Chicago Sun-Times bekomme.
    Willkürlich entschied er sich für die rechte Weggabelung und machte sich an den Abstieg ins Tal.
    Ich hätte nie aus dem Jesuitenorden austreten sollen, dachte O’Hanrahan. Ich hätte mich in Jerusalem oder an der Loyola-Universität in New Orleans niederlassen sollen, ein Amt übernehmen und mich aus dieser ganzen Mittelschichtsache mit Frau und Kind heraushalten sollen. Es wäre eine harte Entscheidung gewesen im Amerika unter Eisenhower, aber ich hätte von einer Menge von Problemen verschont bleiben können.
    (Und du hättest die Frau verschont, die du geheiratet hast.)
    Mein Leben, dachte O’Hanrahan, bestand aus einer Reihe von Entscheidungen, bei denen ich mich selbst hereingelegt habe: Als ich dreiundzwanzig war, kurz davor, einer der jüngsten Dr. phil’s bei den Jesuiten zu werden, sagte ich mir, das sei unwichtig; statt dessen bin ich an die Amerikanische Universität von Beirut gegangen, um zu sehen, ob ich an alten Schrift funden arbeiten könne. Mit vierundzwanzig kam ich in das Übersetzerteam für die Schriftrollen vom Toten Meer, und als ich siebenundzwanzig war, hatte man mir Positionen, Stipendien und Gelegenheiten geboten, meinen Namen für alle kommende Geschichte mit diesen Dokumenten zu verbinden … aber nein, ich wies es zurück, soviel vanitas, akademischer Pomp, alles Mist. Nein, Pater O’Hanrahan wollte das wirkliche Leben sehen, etwas Instinktives und Bedeutungsvolles tun. Mit seinen Händen den Boden der Dritten Welt berühren! Die Unberührbaren auf Indiens Straßen retten. Welche Ambitionen!
    (Du warst nie hochherziger als damals, Patrick. Nie war dein Herz so voll von Nächstenliebe.)
    Und so ging ich 1952 nach Korea, als Feldkaplan. Was ich vom Krieg wusste , erinnerte sich O’Hanrahan, stammte aus Wochenschauen über den Zweiten Weltkrieg und Schwarzweiß-Bildern im Life magazine. Aber Korea war in Farbe, schauerlich, ekelerregend. Man brachte eine Reihe von Toten, über die ich die Totenmesse sprechen sollte, oft auch noch ein letztes Trostwort für einen Sterbenden, was ich recht gut konnte. In der ersten Woche drehte es mir die Eingeweide um, aber es war eine lohnende Aufgabe. Doch dann kam eine zweite Woche, dann eine dritte, und immer mehr Tote und Sterbende und für ihr Lebtag Verkrüppelte kamen und stellten immer tiefere Fragen …
    (Aber du hast Antworten darauf gegeben.)
    Ja! Gedankenlose, auswendig gelernte Beruhi gungsfloskeln über Tod und Verlust,

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