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Der dreizehnte Apostel

Der dreizehnte Apostel

Titel: Der dreizehnte Apostel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wilton Barnhardt
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zweitklassige Platituden frisch von den größten Phrasendreschern der Kirche. Glaubst du, ich hätte das nicht in ihren Augen gesehen? Sie kamen zu mir wegen eines Trostes, einer Erklärung … und ich redete gespreizt über Jesus und ein Kreuz und irgendetwas , das vor sehr, sehr langer Zeit Leuten passiert war, die sie nicht kannten. Die einzige Verklärung, die ein Junge kennenlernte, war das Wunder, wie fünf Finger zu einem unansehnlichen Stumpf wurden, hastig zusammengenäht und verbunden, damit wir eine weitere neu geordnete Sammlung menschlicher Körperteile auf den Operationstisch bekommen konnten. Der junge polnische Katholik, der die Letzte Kommunion haben wollte. Wir hatten keinen Wein, keinen Traubensaft mehr, also musste es rot gefärbtes Zuckerwasser tun, gesegnet und geweiht, das er verzweifelt nippte. Es ist Sein Blut, okay? Aber wozu brauchten wir das Blut von irgendjemandem , im Sommer 1952, im Eisernen Dreieck, 38. Breitengrad, 36. Kampftag. Blut, o Menschensohn, hatten wir wahrhaft genug dort. Die sechste Woche ging vorbei, die siebte Woche. Ist es möglich, daß selbst Gemetzel und die Vernichtung von Menschen nach einer Weile langweilig werden? Du willst Wunder? Die perverse Aufhebung physikalischer Gesetze auf dem Schlachtfeld war wunderbarer als sämtliche Heiligenlegenden zusammen: der Typ, der drei Schüsse abbekommen hatte, drei Kugeln nacheinander aufgereiht in der Wunde, die die erste Kugel geschlagen hatte. Der andere, dem eine 22erKugel die Zähne kaputtgeschlagen, aber sonst keinen Schaden angerichtet hatte … Und ein paar Wochen später kam er wieder und hatte eine zweite Kugel mit den Zähnen abgelenkt. »Keep smiling, Johnny«, witzelte jeder. Wer kann diese Dinge glauben?
    (Aber manche davon waren Unsere Wunder.)
    Und umgekehrt war da der Junge, der Wundbrand bekam und starb, nachdem er selbst an einem eingewachsenen Zehennagel herumgepfuscht hatte. Der Unteroffizier, der an seinem letzten Dienstabend so viel koreanischen Schwarzgebrannten trank, daß er an Alkoholvergiftung starb. Der türkische Soldat, der, nachdem er das volle Ausmaß seiner Leistenwunde erfahren hatte, ruhig sein Kampfmesser herauszog und sich selbst die Kehle durchschnitt, so gelassen, als schneide er eine Melone durch. Ich habe das alles gesehen, Gott, wirklich.
    Und, überlegte O’Hanrahan, wenn man einen Augenblick nachdachte, erkannte man, daß man vielleicht ein wenig Trost spenden konnte, aber meistens war man ohnmächtig, war man nur ein Hindernis zwischen einem Mann und seinem Tod, ein Bürokrat mit Papieren und Weihwasser und Kreuzen und Schriften, der das unvermeidliche Schicksal durcheinanderbrachte.
    Zwölfte Woche, fünfter Monat, fast ein Jahr. Langsam begann Groll in mir zu wachsen. Nachdem der erste junge Mann vor mir an unzähligen Schrapnell wunden krepierte, dachte ich: Natürlich ist dieser ganze Religionskrampf ein einziger Scheiß. Gut nur auf dem Papier. Man kann das Christentum nicht auf die Straße bringen. Man braucht eine heile Vorstadt siedlung für dieses entzückende Wir-kommen-dochalle-in-den-Himmel-Gesellschaftsspiel. Aber »Entschuldige, Junge, ich weiß, daß man dir den Unterleib weggeschossen hat und wir kein Morphium mehr haben, aber wichtiger ist, daß deine unreinen Gedanken vom Blut des Lamms reingewaschen werden, weil Jesus zur Rechten Seines Vaters sitzt« – das macht sich nicht so gut.
    »Hehe«, erklärte O’Hanrahan laut, »jetzt habe ich Deine Stimmen in die Flucht geschlagen, was? Was hast Du zu Deinen Gunsten zu sagen, wenn man auf das Thema Krieg und körperliche Qualen zu sprechen kommt? Dieses Paradies, das Du für den Menschen gemacht hast!« Ein türkisches Bataillon wurde von den Chinesen niedergemäht – Allah steh’ mir bei! Eine persische Verwundetenbrigade kam herein, unter ihnen war ein Anhänger des Zarathustra – was ist mit dem ewigen Höllenfeuer? Nicht notwendig, mit dem jüdischen Jungen aus New York, der nur noch fünf Minuten zu leben hatte, darüber zu sprechen, daß seine Leute vor einiger Zeit den Himmel aufgegeben hatten. Und bei dem jungen Litauer aus Cleveland mit seinem schlechten Englisch, der sich an die Bibel klammerte, fieberhaft mein Kreuz küsste und um Absolution flehte -wofür? Für neunzehn Jahre nicht begangener Sünden? –, als er spürte, wie es mit ihm zu Ende ging, hatte ich mehr als einmal Lust zu sagen: O bitte, zeig etwas Würde!
    (Du hast also gezweifelt. Zweifel ist gesund. Jesus zweifelte am Kreuz.

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