Der dreizehnte Apostel
warme, menschliche Beziehung ausgewählt. Jeden Abend, ruhelos in der Hitze, lag sie laut seufzend im Bett, bis die anderen Schwestern ihr befahlen, still zu sein.)
Tatsächlich nahm die Mutter Oberin sie beiseite und fragte sie streng, ob zwischen ihr und diesem Halunken O’Hanrahan etwas vorgehe, das unzulässig und gegen das Gelübde gerichtet sei. Kaum hatte sich der Gedanke an Liebe einmal eingenistet und den Reiz des Verbotenen bekommen, erinnerte sich O’Hanrahan, war es nur noch eine Frage der Zeit gewesen. Und er war da und warb für die Versuchung: »Ich sehe keinerlei Grund, warum ein Jesuit keine Geliebte haben sollte«, hatte er in der Kantine geflüstert, wie er sich erinnerte. »Päpste und Kardinäle haben welche. Kardinal Spellman hat einen Jungen an seiner Seite – ja, es ist wahr!«
Sie war zerrissen vor Unschlüssigkeit. Ihre weltlichen Krankenschwester-Kolleginnen – wie die über Männer redeten! Die aus dem Life magazine herausgerissenen Fotos von Hauptdarstellern, die an der Innenseite der Spindtüren klebten, die Fotos von einem Freund am Strand von Coney Island, die auf dem Nachtkästchen einer anderen Schwester standen, die Geschichten, die manche der derberen Frauen über Liebesaffären während der dienstfreien Zeit in Tokio erzählten, und die rührenden Geschichten von Männern, die sterben mussten , junge Männer, die noch jungfräulich waren und die Krankenschwester um ein spätabendliches Rendezvous baten, um vor dem Tod noch eine Ahnung von irdischer Liebe zu bekommen. Sicher, manchmal war dieses Geschwätz nur eine List, aber manchmal war es echt, und manchmal gaben Krankenschwestern nach. Beatrice schämte sich, aber diese Phantasievorstellung versuchte sie, weil die Männer entweder sterben oder nach Hause gebracht werden würden, und das konnte dann das Ende sein, keine Konsequenzen, kein Skandal … Nicht, daß viele der Männer Annäherungsversuche bei ihr gemacht hätten, da sie nicht sehr hübsch war, obwohl es auch daran liegen konnte, daß sie eine Tracht der Barmherzigen Schwestern trug. Sehr beunruhigend waren auch die älteren, verheirateten Frauen, die von ihren Kindern und ihrem Mann getrennt waren. Vielleicht beneidete sie diese Frauen am meisten. Und hier war sie, gerade erst zwanzig, eine Gefangene der Kirche! Nein, sie würde das einzig Leichtsinnige in ihrem Leben tun. Sie würde die Liebe kennenlernen.
(Beatrice hat dich sicher geliebt, dich verehrt, dich angebetet. Du hast ein Gelübde gegen ein anderes eingetauscht, und anstelle der früheren Autorität der Kirche – was hast du ihr da geboten? Ursprünglich wolltest du ihr Leben neu ordnen und emporheben, aber du hast das Interesse daran verloren.)
Weil sie, als wir dann zurück in den Staaten waren, ganz offensichtlich …
(Ungebildet war.)
Unrettbar dumm. Ihr lag an nichts etwas, woran mir etwas lag. Sie wollte nicht lesen. Sie hatte nicht das leiseste Interesse an alten Kulturen, fremden Sprachen, verlorenen Schriftrollen, den Schätzen der Vergangenheit. Alles, was mein Leben ausmachte, bedeutete ihr nichts. Sie widmete sich ganz Heim und Herd, und eine Weile war es in Ordnung, aber selbst sie wusste , daß wir schlecht zueinander passten . »Ich bin zu dumm für dich«, beteuerte sie.
(Du hättest sie trösten sollen. Immerhin hast du sie geheiratet.)
Aber was sie sagte, war die Wahrheit. Zwei stümpernde, von der Kirche kaputtgemachte, mittellose und überfällige jungfräuliche Wesen, die in Kriegszeiten übereinander gestolpert waren. Was für eine Zukunft konnte so eine Verbindung haben, sobald die Zeiten wieder normal waren? Gut, gut, sie hat mich geliebt, und ich habe sie nie wirklich so geliebt, wie ein Mann seine Frau lieben sollte. Sie war für mich nur eine Idee, ein Übergangsritus, ein Weg, um die Kirche abzuschütteln und wieder einmal in meinem Leben die Richtung zu wechseln, eine weitere miese Idee, die nirgendwohin führte.
Oh, und zuerst war ich verantwortungsbewusst – das musst Du mir zugestehen! Wie habe ich darüber geweint. Stundenlang habe ich auf den Hinterhof gestarrt, die ganzen verregneten Sonntagnachmittage lang in Pennsylvania, darüber nachgedacht, wie ich das noch retten könnte, diese Katastrophe. Eine Scheidung wäre gnädig gewesen. Ich habe den Mut aufgebracht, sie danach zu fragen.
(Das war der Wendepunkt.)
Allerdings. Sie tankte sich wieder mit Religion voll. Zurück zur Kirche, zurück zur täglichen Messe, zurück zu den Nachmittagen in der Kirche
Weitere Kostenlose Bücher