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Der dreizehnte Apostel

Der dreizehnte Apostel

Titel: Der dreizehnte Apostel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wilton Barnhardt
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Kerzen heruntergebrannt, sie hatten am Truthahn und dem ganzen anderen Essen herumgestochert, und Beatrice saß entrüstet am Tisch. »Du hast gesagt, du wolltest wegfahren …«, murmelte ich und lehnte mich gegen die Wand, weil ich wirklich einiges geladen hatte.
    »Daddy?« Rudy spähte in seinem Pyjama um die Ecke. »Dürfen wir jetzt unsere Geschenke aufmachen? Bitte!« Natürlich versuchte er, die Szene zu verhindern, die nun kam, wie er wusste .
    Aber Beatrice, Unsere Liebe Frau der Vorwürfe, ließ sich das nicht nehmen! Ich wollte nie vor dem Kind streiten, immer hat sie das angezettelt, bis es zu einer festen Regel wurde, daß es immer Streit gab, wenn Daddy zu Hause war. Welche Chance hatte Rudy, eine passable Vaterbeziehung zu entwickeln: Ich war der Bösewicht, der Grund dafür, daß Weihnachten eine Zeit der Tränen war, ich war die Geißel aller anständigen Christenmenschen!
    »Rudy, dein Vater hat nicht einmal ein Geschenk für dich«, teilte Beatrice dem Jungen mit. Grausam! Roh!
    (Warum hattest du kein Geschenk für ihn?)
    Ich dachte, er würde erst nach Neujahr zurückkommen! Massenhaft Zeit, um etwas zu besorgen! He, an jedem Weihnachten danach habe ich ihn mit Spielzeug und Büchern überschüttet …
    (Aber die Verletzung dieses Weihnachtsfestes hast du nie wiedergutgemacht.)
    Nein. Nein, habe ich nicht. Jedesmal wenn ich einen zweideutigen Witz gemacht oder den Weihnachtsbaum zu spät aufgestellt habe, wurde dieses Weihnachten – für Beatrice heiliger als Christi Geburt
    – erwähnt: Vater wird Weihnachten ruinieren, wir sind wieder in Satans Händen, mein kleiner Engel …
    Das Gift, das sie dem armen Rudy in die Ohren träufelte! Alles wäre besser gewesen, wenn sie fortgegangen wäre und mir erlaubt hätte, das Kind hin und wieder zu besuchen. Ohne mich als Demonstrationsobjekt, mit dem sie arbeiten konnte, hätte Rudy mit der Zeit selbst erkannt, was für ein intrigantes Weib seine Mutter war; ich hätte seine Zuneigung gewonnen.
    (Sie hat einmal angeboten, dich zu verlassen.) In einer Winternacht war O’Hanrahan auf dem Wohnzimmerteppich umgekippt und hatte beschlossen, lieber dort liegenzubleiben, als unwillkommen in Beatrices Schlafzimmer zu kriechen. Das nächste, woran er sich dann erinnerte, war Beatrice, die mit einem Koffer in der Hand auf ihn herabsah. »Soll ich in ein Hotel gehen?« hatte er gefragt. »Nein, ich gehe. Rudy ist schon im Auto.« Er kam zu sich und hörte den Motor des Pontiacs, der im Leerlauf in der Auffahrt stand. Nach der Uhr auf dem Kaminsims war es drei Uhr morgens. Rudy war wohl aus seinem Zimmer getappt und hatte seinen Vater so hier liegen sehen. »Geh nicht«, sagte er automatisch. »Ich werde mich nicht von dir scheiden lassen«, sagte sie und knöpfte ihren Wintermantel zu. »Du
    weißt, daß ich dagegen bin. Aber ich muss nicht mit dir zusammenleben.«
    (Das war deine große Chance. Warum hast du sie nicht gehen lassen?)
    Weil … na ja, nicht, wenn ich so auf dem Boden lag …
    (Nein, es war deshalb, weil du sie verlassen wolltest, mit der nächsten verfügbaren Frau, die dich hätte haben wollen.)
    Und ich habe an Rudy gedacht, das musst Du mir zugestehen! Ich wollte nicht, daß er mitten in der Nacht gekidnappt würde, mitgezogen in ein Leben zusammen mit ihren gehässigen alten Schwestern! Er hätte nur meine schlechteste Seite in Erinnerung behalten. Also bat ich Beatrice zu bleiben und versprach, in die verdammte Alkoholikerklinik zu gehen, die sie ausgesucht hatte.
    An diesem Punkt seiner Erinnerung war O’Hanrahan an einem Felsrand angelangt, der wirklich steile Teil des Wegs lag nun vor ihm. Langsam, außer Atem, machte er sich Schritt für Schritt an den Aufstieg. Es ist etwas Protestantisches am Gedanken einer Entziehungsklinik, dachte er. Für alles bekommt man Ratschläge, mit allem wird man konfrontiert, alles wird beredet und zerredet; der Patient wird einem Verfahren unterworfen, aus dem er gereinigt und entschuldigt und geheilt wieder auftauchen soll, gestärkt für sein neues Leben. Die Möglichkeit, daß man, achtundvierzig Stunden nachdem man der Klinik entronnen ist, wieder zurückgleitet in die Gosse, scheint ausgeschlossen. Jeder gute Katholik dagegen würde den Rückfall vorhersagen: Der Katholizismus begründet sich schließlich auf der Vorstellung einer conditio humana, die Schwäche einschließt; daher gibt es pro forma eine Beichte, und man bekommt einen Klaps auf die Hand. Der Protestantismus dagegen ist überzeugt,

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