Der dreizehnte Apostel
daß Menschen sich ändern können: Sobald eine Sünde erkannt ist und man ihretwegen betet und sich darum wirklich sorgt, wird man sie überwinden; daher kommt der Fanatismus, die Prohibition, der Kampf gegen Abtreibung und Homosexualität, gegen Pornographie und Prostitution. Und natürlich ist der Protestantismus, obwohl er hier und da voll guter Absichten ist, absolut irrig.
(Wenn es darum ging, dich zu bessern, ja.)
Die Klinik, an die Beatrice ihr Herz gehängt hatte, war die Doster-Klinik in der Nähe von Urbana in Illinois. Sie hatte mit dem stets verschwitzten Priester mit dem feisten Gesicht über mein Problem gesprochen – zum Teufel, sie hatte Anze igen aus Zeitschrif ten ausgeschnitten und Reklametafeln studiert! Hatte Fremden an der Bushaltestelle von ihrem Trunkenbold von Ehemann erzählt, ihrem geliebten, gehätschelten Kreuz, das sie tragen musste ! Beatrice sammelte Empfehlungen über Empfehlungen, wo sie mich einliefern sollte. O Heilige Mutter Kirche, steh ihr bei auf diesem Kreuzzug! Die Besserung Patrick O’Hanrahans. Ihr Martyrium konnte nun den Gipfel erreichen. »Ja, ich kämpfe um meine Ehe«, sagte sie mit neuer Würde zu den alten Klatschtanten in der Kirche. »Gott würde nicht weniger von mir erwarten. Für Rudy …«
Ja, das war der Vorwand: für Rudy. Warum dachte sie nicht an den Jungen, wenn sie am Abendbrottisch eine ihrer selbstsüchtigen Szenen aufführte, hm? Warum dachte sie nicht fünf Minuten darüber nach, welche Wirkung auf den Jungen es haben musste , wenn sie seinen Vater Abend für Abend sozusagen kastrierte?
(Aber schließlich bist du doch in die Klinik gegangen.)
Beatrice saß steif und aufrecht auf dem Fahrersitz und ich daneben. Keiner von uns beiden sagte ein Wort, während wir durch das graue Ackerland von Urbana fuhren. Auf den Feldern lag Schnee, und der holprige Highway voller Schlaglöcher, den wir Richtung Urbana nehmen mussten , war mit Matsch bedeckt.
»Wenn ich es abscheulich finde«, sagte er, »komme ich sofort wieder nach Hause.«
»Du musst das eine Woche lang durchhalten, Patrick«, sagte sie vorsichtig, so kurz vor ihrem höchsten Triumph. »Ich glaube, diese Leute werden dir begreiflich machen, was du deinem Leben antust. Was du uns allen antust.«
»Ich tue euch überhaupt nichts an. Ihr werdet versorgt, ihr habt ein Dach über dem Kopf, Rudy fehlt es an nichts …«
»Außer an einem nüchternen Vater.«
Er wollte jetzt nicht streiten, nicht hier im Auto. Es würde noch Zeit genug sein zu streiten, wenn er erst unbußfertig wieder zu Hause war und erneut zu trinken anfing. Er hatte die feste Absicht, wieder zu trinken. Nicht ein einziges Atom in seinem Körper wollte mit dem Trinken aufhören; nicht die leiseste Stimme in ihm sagte, daß es ein Problem sei. Trinken war sein Leben! Es machte ihn geistreich und witzig; es war der Quell der O’Hanrahan-Legende. Wenn er eine Party gab, bemühte sich der gesamte Theologische Fachbereich um eine Einladung – das würde wieder ein Gelage sein, über das man das ganze Jahr sprach: O’Hanrahan in guter Form, O’Hanrahan, der Unterhalter, der großzügige Mixer köstlichen Gebräus. Wohlgemerkt, das war in den sechziger Jahren, als die Leute einen guten Cocktail wirklich erkannten; wie so viele andere einst heilige amerikanische Laster und Verfeinerungen des öden Alltagslebens sind die Cocktails heute verschwunden. Puritaner, ihr habt gesiegt, um Julian Apostata abzuwandeln. Und was das Umkippen anging, das unappetitliche Ende, das passierte in der Abgeschiedenheit seines eigenen Hauses – das bekam niemand zu sehen.
(Nur deine Frau und dein Kind.)
»Du wirst sehen«, sagte Beatrice, und ihr kleiner Mund stieß die Worte scharf und genau hervor, »was aus jemandem wird, der so trinkt wie du. Du wirst dort eine Menge anderer Trinker kennenlernen.« Auch so eine Sache. Ob es bei dem einen Treffen der Anonymen Alkoholiker war, an dem er teilnahm, oder die Woche in der Doster-Klinik: O’Hanrahan war immer erstaunt, wieviel schlimmer die anderen Trinker dran waren.
Der Teenager, der vor dem Abendessen zwei Fünftel Wodka in sich hineinschütten konnte und sich nicht mehr erinnerte, daß er seinen Hintern für zwanzig Dollar und noch ein Fünftel Wodka auf der Straße feilgeboten hatte. Die Frau, die betrunken Auto gefahren war und dabei ihre kleine Tochter bei einem Unfall getötet hatte, als sie gegen einen Tele fonmast fuhr. Der einst respektierte Arzt, der betrunken eine Fehldiagnose
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