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Der dreizehnte Apostel

Der dreizehnte Apostel

Titel: Der dreizehnte Apostel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wilton Barnhardt
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Ende des heiligen Reichs, die Wahl zwischen den verlassenen Einsiedeleien haben. Im letzten Tageslicht fand O’Hanrahan einen Zufluchtsort: einen einfachen Steinraum mit einem Sims für eine Kerze, eine Stelle auf dem Boden als Schlafstelle und auf einer Seite eine verfaulte Holztür. Auf einer Wand war ein primitives Gemälde aufgemalt, das Johannes den Evangelisten darstellte, die andere Wand zeigte Jesus und Maria, die heute Nacht über ihn wachen würden. Genau, erinnerte er sich, Johannes ist schuld, daß es den Berg Athos gibt: Der heilige Johannes hatte das Boot gesteuert, war in einen Sturm geraten, und er und die Jungfrau Maria waren an dieser Halbinsel gestrandet. Damals hatte sich das alte Mädchen in den Berg Athos verliebt und irgendetwas in dieser Art gesagt: »O schöner Athos, wie Ich dich bewund ere – du sollst allein Mein Gar ten sein, geweiht Meiner Anbetung und Verehrung, verboten für alle Frauen außer Meinem Strahlenden Selbst, und für jene, die hier beten und arbeiten, will Ich Fürsprache einlegen beim Sohne und beim Vater …« So wie ich diese Primadonna kenne, möchte ich wetten, daß sie genau das gesagt hat, dachte O’Hanrahan und legte sich auf den staubigen Boden.
    Ich habe den heiligen Johannes nie ausstehen können, murrte O’Hanrahan innerlich.
    Dieser ganze griechische Schwachsinn. Diese ganzen unruhestiftenden Passagen. Der ganze Quatsch, den Johannes Jesus über sein Sohnsein in den Mund legt. In den anderen Evangelien ist Jesus der Messias und Erlöser, der als Christus Gesalbte; im Johannesevangelium ist er Gottes eigener kleiner Junge, der theologische Sprüche über seine dreieinige Persönlichkeit absondert. Solchen Blödsinn wie: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann von sich aus nichts tun, außer was er den Vater tun sieht. Denn was jener tut, das tut der Sohn in gleicher Weise … Der Vater richtet ja auch niemanden, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben, damit alle den Sohn ehren, so wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt auch den Vater nicht, blablabla – und das aus dem Munde eines Mannes, der den Armen anschauliche Gleichnisse erzählt hat! Jesus hat so etwas nie gesagt!
    (Bist du ganz sicher?)
    Ich wäre ein großer Gegner dieses Kerls mit seinem Logos gewesen. Dionysius, ein Schüler des Origenes, Bischof von Alexandria, bewies im Jahre 259, daß man die Offenbarungen aus den kanonischen Büchern hinauswerfen sollte. Paulus von Samosata hielt das Johannesevangelium für häretisch, weil es erklärte, Vater und Sohn seien identisch. Schon am Ende des 2. Jahrhunderts kannten viele Kirchenväter das Johannesevangelium nicht mehr, und es war bekannt, daß Justinus Martyr nur die drei anderen Evangelien verehrte – zum Teufel, diese Männer kannten Leute, die den wirklichen Johannes noch gekannt hatten, und sie wollten das Johannesevangelium nicht in der Bibel haben! Erst Irenäus mit seiner Obsession, vier Evangelien und eine gerade Zahl zu haben, setzte sich durch und steckte das Johannesevangelium und das ganze griechische Geschwafel in das Neue Testament.
    (Wie war’s damit? Wenn der Sohn dich befreit, dann wirst du in der Tat frei sein.)
    Oh, ich hab’ schon verstanden. Wir haben Qualen des Vaters und Erinnerungen an meine Frau, die Märtyrerjungfrau, ertragen, und nun ist es Zeit für den Sohn. Nun, hier bin ich störrisch. Rudolph und ich sind nie miteinander ausgekommen, hatten nie eine Beziehung. Es ist ein düsterer Gedanke, daß er mich verachtet hat, aber da er tot ist, auch ein seltsamer Trost. Stell dir den Verlust eines Sohnes vor, der dich geliebt hat!
    (Aber er hat dich nicht verachtet.)
    Das hätte ich schon gedacht. Ja, selbst jetzt frage ich mich noch, wie Rudy so zart werden konnte. Mit meinem ganzen Lärm und Radau im Haus? Als Kind ständig so kränklich und verletzt. Seine Mutter hat ihn erstickt. Beatrice erzog ihn dazu, daß er mit ihr über alle meine Fehler einer Meinung war. Wenn ich Rudy tadelte, verteidigte sie ihn. Wenn ich vorschlug, er solle hinausgehen und mit den anderen Kindern spielen, widersprach sie, die anderen Jungen seien nichts für ihren Sohn. Ich wurde immer dargestellt als der Unzufriedene, der an Rudy herumnörgelte, der Maßstäbe setzte, die er nicht erfüllen konnte. Weiß Gott, ich hatte keine Maßstäbe für ihn …
    (Das ist nicht gerade das, was du während seiner Jugend gesagt hast, nicht wahr? Du hast seine Zeugnisse mit den deinen verglichen. Er musste doppelt so

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