Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
geschehen war, nicht zuletzt wie die Balkenkiller mit pürierten Kindergehirnen gefüttert worden waren, damit sie mit höchstem Wirkungsgrad arbeiten konnten, gewährte ihm keines von beiden, ließ ihn andererseits jedoch auch nicht leiden und gab ihm keine Zeit, sein Schicksal zu fürchten.
Als sie die Gasse zwischen Filmtheater und Friseur entlangrollte, hatte die Schießerei aufgehört. Finli und Jakli lagen im Sterben; James Cagney hatte mit halb von seinem abstoßenden Rattenkopf gerissener Hume-Maske das Zeitliche gesegnet; um sie herum lagen drei weitere Dutzend, die ebenso tot waren. Die zuvor makellos sauberen Rinnsteine von Pleasantville quollen von ihrem Blut über.
Über den Komplex verteilt, gab es zweifellos noch weitere Wachen, die sich aber wohl verkrochen hatten, weil sie der Überzeugung waren, sie seien von hundert oder mehr erfahrenen Kämpfern, Landpiraten von Gott wusste woher, überfallen worden. Die meisten Brecher von Algul Siento befanden sich auf dem Grasland zwischen der Häuserzeile an der Hauptstraße und den südlichen Wachttürmen; dort waren sie wie eine Herde Schafe zusammengedrängt, das waren sie. Ohne auf seinen blutenden Arm zu achten, hatte Ted bereits damit begonnen, eine Anwesenheitsliste zu erstellen.
Dann erschien das gesamte Nordkontingent der Verwüsterarmee am Ausgang der Gasse neben dem Filmtheater: eine kurzbeinige schwarze Lady auf einem ATV. Sie lenkte mit einer Hand und stabilisierte mit der anderen auf dem Lenker eine Coyote-Maschinenpistole. Sie sah die auf der Hauptstraße aufgetürmten Leichen und nickte zwar nicht triumphierend, aber nüchtern befriedigt.
Eddie kam aus dem Kassenhäuschen und umarmte sie.
»He, Sugarman, he«, murmelte sie und bedeckte seine Halsseite mit leichten Küssen, die ihn erzittern ließen. Dann war plötzlich Jake da – vom Morden blass, aber trotzdem gefasst –, und sie legte ihm einen Arm um die Schultern und zog ihn an sich. Zufällig fiel ihr Blick auf Roland, der auf dem Gehsteig hinter den dreien stand, die er nach Mittwelt gezogen hatte. Der Revolver baumelte lose in seiner Linken – und fühlte er tatsächlich, was seine sehnsüchtige Miene auszudrücken schien? Wusste er überhaupt, was auf seinem Gesicht stand? Sie bezweifelte es und empfand tiefes Mitleid mit ihm.
»Komm her, Gilead«, sagte sie. »Das hier ist eine Gruppenumarmung, und du gehörst mit zur Gruppe.«
Im ersten Augenblick glaubte sie, dass er ihre Einladung nicht verstanden hatte oder vorgab, sie nicht zu verstehen. Dann kam er, nachdem er den Revolver ins Holster gesteckt und sich danach kurz gebückt hatte, um Oy aufzuheben. Er trat zwischen Jake und Eddie. Oy sprang Susannah auf den Schoß, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Dann legte der Revolvermann einen Arm um Eddies Taille, den anderen um Jakes. Susannah hob die Arme (wobei der Bumbler auf ihrem plötzlich schrägen Schoß komisch scharrend Halt suchte), schlang sie Roland um den Hals und drückte ihm einen herzhaften Schmatz auf die sonnenverbrannte Stirn. Jake und Eddie lachten. Roland stimmte ein und lächelte dabei, so wie man es tat, wenn einen das Glück überraschte.
Ich möchte, dass ihr sie so seht; ich möchte, dass ihr sie sehr wohl seht. Werdet ihr das? Sie stehen zusammengedrängt um Suzies Dreirad-Cruiser herum und umarmen sich im Vollgefühl ihres Sieges. Ich möchte, dass ihr sie so seht, nicht weil sie eine große Schlacht gewonnen haben – das weiß jeder einzelne von ihnen besser –, sondern weil sie in diesem Augenblick zum letzten Mal ein Ka-Tet sind. Die Geschichte ihrer Gemeinschaft endet hier, auf dieser potemkinschen Straße und unter dieser künstlichen Sonne; im Vergleich zu allem, was vorangegangen ist, wird der Rest der Geschichte kurz und brutal sein. Denn endet ein Ka-Tet, kommt das Ende stets rasch.
Sage mein Bedauern.
19
Pimli Prentiss verfolgte mit den blutverkrusteten Augen eines Sterbenden, wie der jüngere der beiden Männer sich aus der Gruppenumarmung löste und auf Finli o’ Tego zutrat. Der junge Mann sah, dass Finli sich noch bewegte, und ließ sich neben ihm auf ein Knie nieder. Die Frau, die von ihrem Dreirad abgestiegen war, machte sich mit dem Jungen daran, die übrigen ihrer Opfer zu untersuchen und die wenigen noch Lebenden endgültig zu erledigen. Selbst während Pimli mit einer Kugel im Kopf sterbend dalag, begriff er das nicht als Grausamkeit, sondern vielmehr als Gnade. Und wenn diese Arbeit getan war, so
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