Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
sagte Susannah und berührte Teds Wange mit den Fingern. Jake fand, dass die Finger kalt aussahen. Eiskalt.
»Was, meine Liebe? Was ich kann, das tue ich.« Er griff nach ihren Fingern und hielt sie
(Friede Entspannung Stille Geduld Ruhe Gelassenheit Friede)
in seiner Hand.
»Lasst das, was ihr gerade tut, sein, bis ihr anderes von mir hört«, sagte sie.
Er starrte sie überrascht an. Dann sah er zu Dinky hinüber, der aber nur die Achseln zuckte. Er wandte sich wieder an Susannah.
»Ihr dürft euren ›guten Geist‹ nicht einsetzen, um mir meinen Schmerz zu stehlen«, erklärte sie ihm, »ich will ihn nämlich mit weit geöffnetem Mund bis zur Neige trinken. Bis zum letzten Tropfen.«
Ted hielt einen Augenblick lang den Kopf gesenkt und runzelte die Stirn. Schließlich sah er wieder auf und bedachte sie mit dem sanftesten Lächeln, das Jake je gesehen hatte.
»Aye, Lady«, sagte er. »Wir tun, was du verlangst. Aber wenn du uns brauchst … falls du uns brauchst …«
»Dann rufe ich euch«, sagte Susannah und beugte sich wieder über den Mann, der unverständliche Worte plappernd auf der Straße lag.
2
Als Roland und Jake die Gasse erreichten, die sie wieder ins Zentrum des Devar-Toi bringen würde, wo sie die Trauer um ihren gefallenen Freund zurückstellen würden, während sie jeden erledigten, der möglicherweise noch gegen sie kämpfen wollte, streckte Sheemie eine Hand aus und zupfte Roland am Hemdsärmel.
»Balken sagt seinen Dank, Will Dearborn, der einst war.« Er hatte sich durch sein Schreien die Stimme verdorben und sprach nun mit einem heiseren Krächzen. »Balken sagt, dass alles noch gut werden kann. So gut wie neu. Besser sogar.«
»Das ist schön«, sagte Roland, und Jake fand das auch irgendwie. Trotzdem hatte er dabei keine rechte Freude empfinden können und empfand auch jetzt keine. Jake musste immer wieder an das Loch denken, das die sanften Finger Ted Brautigans freigelegt hatten. Dieses mit einer roten gallertartigen Masse angefüllte Loch.
Roland legte Sheemie einen Arm um die Schultern, drückte ihn an sich, und küsste ihn auf die Wange.
Sheemie lächelte freudig. »Ich komme mit, Roland. Darf ich, mein Lieber?«
»Diesmal nicht«, sagte Roland.
»Warum weinst du?«, fragte Sheemie.
Jake beobachtete, wie der glückliche Ausdruck von Sheemies Gesicht verschwand und durch einen sorgenvollen ersetzt wurde. Unterdessen waren weitere Brecher auf die Hauptstraße zurückgekehrt, auf der sie in kleinen Gruppen umherliefen. Jake sah Bestürzung auf den Gesichtern, die sich dem Revolvermann zuwandten … und eine gewisse benommene Neugier … und in einigen Fällen klare Abneigung. Beinahe Hass. Nirgends jedoch sah er so etwas wie Dankbarkeit, nicht einen Funken Dankbarkeit, und dafür hasste er sie.
»Mein Freund ist verwundet«, sagte Roland. »Ich weine um ihn, Sheemie. Und um seine Frau, die meine Freundin ist. Gehst du bitte zu Ted und Dinky, um die Frau zu trösten, falls sie getröstet werden möchte?«
»Wenn du das willst, aye! Für dich tue ich alles!«
»Danke-sai, Sohn des Stanley. Und hilf mit, wenn sie meinen Freund wegbringen.«
»Deinen Freund Eddie! Der verwundet liegt!«
»Aye, er heißt Eddie, du sprichst wahrhaftig. Du wirst Eddie doch helfen?«
»Aye!«
»Dann ist da noch etwas anderes …«
»Aye?«, sagte Sheemie, aber dann fiel ihm offenbar etwas ein. »Aye! Ich soll euch helfen, von hier fortzugehen, weit zu reisen, du und deine Freunde! Ted hat’s mir erzählt. ›Mach ein Loch‹, hat er gesagt, ›wie du damals eins für mich gemacht hast.‹ Bloß haben sie ihn da zurückgebracht. Die bösen Kerle. Aber euch würden sie nicht zurückbringen, weil die bösen Kerle nämlich weg sind! Der Balken hat seinen Frieden!« Daraufhin lachte Sheemie – für Jakes trauerndes Ohr ein misstönender Laut.
Möglicherweise auch für Rolands, jedenfalls wirkte sein Lächeln angestrengt. »Wenn es an der Zeit ist, Sheemie … Ich glaube allerdings, dass Susannah hier bleiben und auf unsere Rückkehr warten wird.«
Falls wir jemals zurückkehren, dachte Jake.
»Nein, ich meinte einen weiteren Auftrag, den du vielleicht übernehmen kannst. Nicht jemandem helfen, in diese andere Welt zu reisen, aber ein wenig etwas in dieser Art, ein wenig. Ich habe schon mit Ted und Dinky darüber gesprochen, und sie werden es dir erzählen, sobald Eddie versorgt ist. Wirst du ihnen gehorchen?«
»Aye! Und ich helfe, wenn ich kann!«
Roland gab ihm einen Klaps
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