Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
Nachmittag.
Trotz des Lärms und Getümmels am heutigen Tag hatte diese Frau – Jake fand, dass sie der Ehrenpräsidentin des Gartenvereins seiner Mutter ziemlich ähnlich sah – Zeit gefunden, verhältnismäßig viel Make-up aufzulegen: Puder, Rouge und Lippenstift, so rot wie ein hiesiges Feuerwehrauto. Sie stellte sich als Grace Rumbelow vor (ehemals aus Aldershot, Hampshire, England) und verlangte zu wissen, was als Nächstes geschehe – wohin sie gehen würden, was sie tun sollten, wer sich um sie kümmern würde. Mit anderen Worten: Sie stellte dieselben Fragen wie der Gockel-Taheen.
»Man hat uns nämlich bislang versorgt«, sagte Grace Rumbelow mit lauter, klarer Stimme und britischem Akzent. »Zumindest fürs Erste sind wir nicht in der Lage, uns selbst zu versorgen.«
Lärmende Zustimmung von allen Seiten.
Roland musterte die Dame von oben bis unten, und etwas in seiner Miene beraubte sie ihrer sorgfältig kalkulierten Empörung. »Geht mir aus dem Weg«, sagte der Revolvermann, »sonst stoße ich Euch nieder.«
Die Frau wurde unter ihrem Rouge ganz blass und tat wie befohlen, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Vogelähnliches Gezwitscher, das wohl Missfallen ausdrückte, folgte Jake und Roland bis nach Corbett Hall hinein, allerdings hatte es erst eingesetzt, nachdem der Revolvermann außer Sicht war und sie nicht länger fürchten mussten, in den Bann des beunruhigenden Blicks seiner blauen Augen zu geraten. Die Brecher erinnerten Jake an manche seiner Altersgenossen an der Piper School: die Schwachköpfe, die immer am lautesten Sachen wie Die Arbeit war Scheiße! oder Leck mich fett! brüllten … aber nur, wenn der Lehrer nicht im Zimmer war.
Der Flur im Erdgeschoss von Corbett Hall wurde von Neonröhren erhellt und roch stark nach dem Brandrauch von Damli House und Feveral Hall. Rechts neben einer Tür mit dem Schild PRÄFEKTENSUITE saß Dinky Earnshaw auf einem Klappstuhl und rauchte eine Zigarette. Er sah auf, als Roland und Jake herankamen, wobei Oy dem Jungen dichtauf folgte.
»Wie geht’s ihm?«, fragte Roland.
»Er stirbt, Mann«, sagte Dinky achselzuckend.
»Und Susannah?«
»Hält sich wacker. Aber wenn er erst einmal tot ist …« Dinky zuckte nochmals die Achseln, um anzudeuten, dass es dann so oder so ausgehen könne.
Roland klopfte leise an die Tür.
»Wer ist da?« Susannahs Stimme klang gedämpft.
»Roland und Jake«, sagte der Revolvermann. »Dürfen wir reinkommen?«
Auf seine Frage folgte eine Pause, die Jake ungewöhnlich lang vorkam. Roland jedoch zeigte sich nicht überrascht. Übrigens auch Dinky nicht.
Schließlich sagte Susannah: »Herein!«
Sie traten ein.
5
Während Jake mit Oy im beruhigenden Dunkel hockte und auf Rolands Ruf wartete, dachte er über die Szene nach, die sich in dem verdunkelten Zimmer seinem Blick dargeboten hatte. Darüber und an die endlose Dreiviertelstunde, bevor Roland sein Unbehagen bemerkt und ihn mit dem Versprechen hatte gehen lassen, er werde ihn rufen, wenn es »an der Zeit« sei.
Jake hatte viel Tod gesehen, seit er nach Mittwelt geholt worden war; er hatte ihn ausgeteilt, hatte sogar einmal den eigenen erlitten, obwohl er sich an fast nichts mehr davon erinnern konnte. Aber hier starb ein Ka-Gefährte, und was sich im Schlafzimmer der Präfektenwohnung abgespielt hatte, war ihm unsinnig erschienen. Und endlos. Jake wünschte sich mittlerweile, er wäre bei Dinky draußen auf dem Flur geblieben; er wollte seinen Witze reißenden und gelegentlich auch heißblütigen Freund nicht auf diese Weise in Erinnerung behalten.
Zum einen sah Eddie mehr als nur gebrechlich aus, wie er so mit einer Hand in Susannahs Händen im Bett des Präfekten lag; er sah alt und (Jake gestand sich das nur widerwillig ein) dumm aus. Vielleicht war auch senil das richtigere Wort. Die Mundwinkel waren eingefallen, sodass sich tiefe Grübchen gebildet hatten. Susannah hatte ihm zwar das Gesicht gewaschen, aber die Bartstoppeln ließen es trotzdem irgendwie schmutzig aussehen. Unter den Augen hatte er große purpurrote Blutergüsse, fast als hätte dieser Hundesohn Prentiss ihn noch verprügelt, bevor er ihn erschossen hatte. Die Lider waren geschlossen, aber unter ihren dünnen Schleiern rollten die Augen fast unaufhörlich hin und her, so als würde Eddie träumen.
Und er redete in einer Tour. Aus seinem Mund kam ein stetiger Strom leise gemurmelter Worte. Manche Dinge, die er sagte, konnte Jake verstehen, andere wieder nicht. Manche waren
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