Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
Ausweisungsbefehl ignorierte oder einfach nur nicht mitbekommen hatte, saß in Pullover und Kilt stumm auf der Treppe vorm Haus und hatte den Kopf in den Händen vergraben) und trabte dann die Promenade hinauf, wobei er unruhig schnell zu der Stelle hinübersah, wo die Toten aufgereiht gelegen hatten. Der kleine Séancenkreis, der zuvor dort zu sehen gewesen war, hatte sich aufgelöst.
Ich werde nicht weinen, nahm er sich eisern vor. Wenn ich alt genug bin, um zu rauchen und daran zu denken, mir ein Bier zu zapfen, dann bin ich auch alt genug, meine blöden Tränendrüsen im Griff zu haben. Ich werde nicht weinen.
Dabei wusste er, dass er es höchstwahrscheinlich doch tun würde.
8
Sheemie und Ted hatten sich außerhalb der Präfektenwohnung zu Dinky gesellt. Dinky hatte seinen Klappstuhl Sheemie überlassen. Ted sah zwar müde aus, aber Sheemie sah dagegen richtig beschissen aus, wie Jake fand: die Augen wieder blutunterlaufen, angetrocknetes Blut an Nase und linkem Ohr, das Gesicht aschfahl. Er hatte einen Hausschuh ausgezogen und massierte sich den Fuß, als hätte er dort Schmerzen. Trotzdem war er sichtlich zufrieden. Fast schon überschwänglich.
»Balken sagt, alles kann noch gut werden, junger Jake«, sagte Sheemie. »Balken sagt, dass es nicht zu spät ist. Balken sagt seinen Dank.«
»Das ist gut«, murmelte Jake und griff nach dem Türknopf. Er hörte kaum, was Sheemie noch zusätzlich sagte. Er konzentrierte sich nun ganz darauf, seine
(werde nicht weinen und alles schwerer für sie machen)
Gefühle unter Kontrolle zu halten, sobald er drinnen war. Aber dann sagte Sheemie etwas, was ihn auf der Stelle aus seiner Konzentration riss.
»Auch in der Wirklichen Welt nicht zu spät«, fügte Sheemie hinzu. »Das wissen wir. Wir haben uns kurz umgesehen. Haben die Laufschrift gelesen. Stimmt’s, Ted?«
»Ja, das haben wir.« Ted hatte eine Dose Nozz-A-La auf dem Knie balanciert. Er setzte sie nun an und trank einen Schluck. »Wenn du dort reingehst, Jake, dann kannst du Roland Folgendes erzählen: Wenn es der 19. Juli 1999 ist, um den es euch geht, dann ist alles noch in Ordnung. Allerdings wird der Spielraum allmählich knapp.«
»Ich geb’s weiter«, sagte Jake.
»Und erinnere ihn daran, dass die Zeit dort drüben manchmal rutscht. Nicht anders als ein alter Keilriemen rutscht. Das geht bestimmt auch noch länger weiter, selbst wenn der Balken sich wieder erholt. Und ist der Neunzehnte erst vorbei …«
»Kann er niemals wiederkehren«, sagte Jake. »Jedenfalls nicht dort. Das wissen wir.« Er öffnete die Tür und schlüpfte ins Dunkel der Präfektenwohnung.
9
Ein einziger scharf begrenzter gelber Lichtkreis, den die Nachttischlampe warf, beleuchtete Eddie Deans Gesicht. Das Licht warf den Schatten seiner Nase auf die linke Wange und verwandelte seine geschlossenen Augen in dunkle Höhlen. Susannah kniete auf dem Boden neben ihm, hielt ihm die Hände und blickte auf ihn hinab. Ihr Schatten lief hoch über die Wand hinauf. Roland saß auf der anderen Seite des Betts in tiefem Schatten. Der endlose gemurmelte Monolog des Sterbenden war verstummt, und die Atmung hatte längst aufgehört, auch nur andeutungsweise regelmäßig zu sein. Er holte immer wieder tief Luft, hielt sie an und atmete dann langsam pfeifend aus. Dabei blieb seine Brust immer so lange unbeweglich, dass Susannah ihm jedes Mal mit angstvoll glänzenden Augen forschend ins Gesicht starrte, bis der nächste lange, keuchende Atemzug kam.
Jake setzte sich neben Roland auf die Bettkante, sah Eddie an, sah Susannah an und sah zuletzt zögernd ins Gesicht des Revolvermanns auf. Im Halbdunkel konnte er darin nichts als Erschöpfung sehen.
»Von Ted soll ich dir ausrichten, dass es auf der Amerika-Seite fast der 19. Juli ist, bitte schön und sage meinen Dank. Und dass die Zeit ein Stück durchrutschen könnte.«
Roland nickte. »Trotzdem sollten wir abwarten, bis das hier zu Ende ist. Es wird nicht mehr lange dauern, und wir sind’s ihm schuldig.«
»Wie lange noch?«, murmelte Jake.
»Das kann ich nicht sagen. Ich dachte schon, er würde nicht mehr lang genug durchhalten, selbst wenn du rennst …«
»Das hab ich auch getan, sobald ich auf dem Rasen war …«
»Aber wie du siehst …«
»Er kämpft hart«, sagte Susannah, und dass dies das Einzige war, worauf sie noch stolz sein konnte, griff Jake ans Herz. »Mein Mann kämpft hart. Wer weiß, vielleicht will er uns noch etwas
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