Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
sagen.«
10
Und so kam es schließlich auch. Fünf endlose Minuten nachdem Jake ins Schlafzimmer geschlüpft war, schlug Eddie die Augen auf. »Sue …«, sagte er. »Su … sie …«
Sie beugte sich dicht über ihn, hielt weiter seine Hände, lächelte ihm ins Gesicht und konzentrierte leidenschaftlich ihre gesamte Aufmerksamkeit auf ihn. Und mit einer Anstrengung, die Jake nicht für möglich gehalten hätte, befreite Eddie auf einmal eine seiner Hände, schwang sie etwas nach rechts und griff in Susannahs dichte krause Locken. Auch wenn das Gewicht seines Arms so an den Haarwurzeln zog, dass es Susannah schmerzen musste, ließ sie sich nichts davon anmerken. Das auf ihren Lippen erblühende Lächeln wirkte freudig, einladend, irgendwie sogar sinnlich.
»Eddie! Willkommen unter den Lebenden!«
»Verarsche keinen … Verarscher«, flüsterte er. »Ich komme nicht, Schätzchen, ich gehe.«
»Unsinn, Eddie, du …«
»Pst«, machte er, worauf sie verstummte. Er zog ihren Kopf am Haar nach unten. Sie brachte ihr Gesicht bereitwillig an seines heran und küsste seine lebenden Lippen zum letzten Mal. »Ich … werde … auf dich warten«, sagte er, indem er jedes einzelne Wort mit ungeheurer Anstrengung herauspresste.
Jake sah Schweißperlen auf Eddies Haut erscheinen – die letzte Botschaft eines sterbenden Körpers an die Welt der Lebenden –, und in diesem Augenblick verstand das Herz des Jungen endlich, was sein Kopf schon seit Stunden wusste. Er begann zu weinen. Es waren brennende und reinigende Tränen. Als Roland seine Hand nahm, drückte Jake sie krampfhaft. Er war nicht nur traurig, sondern auch voller Angst. Wenn so etwas Eddie passieren konnte, konnte es jedem passieren. Es konnte auch ihm passieren.
»Ja, Eddie, ich weiß, dass du warten wirst«, sagte sie.
»Auf …« Wieder jenes tiefe, erbärmliche, rasselnde Atemholen. Seine Augen glitzerten wie Edelsteine. »Auf der Lichtung.« Ein weiterer Atemzug. Seine Hand in ihrem Haar. Lampenlicht, das sie beide in einem mystischen gelben Kreis umfangen hielt.
»Auf der am Ende des Pfades.«
»Ja, Liebster.« Ihre Stimme klang jetzt ruhig, aber dennoch fiel eine Träne auf Eddies Wange, die dann langsam zum Kinn hinablief. »Ich höre dich sehr gut. Warte auf mich, dann finde ich dich, und wir betreten sie gemeinsam. Ich gehe dann wieder auf meinen Beinen.«
Eddie lächelte ihr zu, dann sah er zu Jake hinüber.
»Jake … zu mir.«
Nein, dachte Jake, den jähe Panik überkam, nein, ich kann nicht, ich kann nicht.
Aber er beugte sich bereits über ihn, in den Geruch, der das nahe Ende verkündete. Er konnte sehen, wie der schmale Staubstreifen an Eddies Haaransatz sich in eine Schmiere verwandelte, als nun noch mehr winzige Schweißperlen auf dessen Stirn traten.
»Warte auch auf mich«, sagte Jake mit gefühllosen Lippen. »Okay, Eddie? Wir betreten sie alle gemeinsam. Dann sind wir wieder ka-tet, genau wie früher.« Er versuchte zu lächeln, schaffte es aber nicht. Ihm schmerzte das Herz zu sehr, als dass er hätte lächeln können. Er fragte sich sogar, ob es nicht gleich in seiner Brust explodieren würde, so wie Steine manchmal in einem heißen Feuer explodierten. Dieses Wissen verdankte er seinem Freund Benny Slightman. Bennys Tod war schon schlimm gewesen, aber das hier war tausendmal schlimmer. Eine Million Mal schlimmer.
Eddie schüttelte den Kopf. »Nicht … so schnell, Kumpel.« Er holte erneut Luft, dann verzog er das Gesicht, als besäße die Luft nun Widerhaken, die nur er spüren konnte. Er flüsterte jetzt – nicht aus Schwäche, wie sich Jake später sagte, sondern weil es um eine Sache ging, die nur sie beide etwas anging. »Nimm dich vor … Mordred in Acht. Und vor … Dandelo.«
»Dandelion? Eddie, ich …«
»Dandelo.« Weit aufgerissene Augen. Gewaltige Anstrengung. »Beschützt … euren … Dinh … vor Mordred. Du … Oy. Eure Aufgabe.« Er sah kurz zu Roland hinüber, bevor er sich wieder auf Jake konzentrierte. »Pst.« Dann: »Beschützen …«
»Ich … ich tu’s. Wir tun’s.«
Eddie nickte schwach, dann sah er zu Roland hinüber. Jake trat zur Seite, und der Revolvermann beugte sich über Eddie, um dessen letzte Worte zu hören.
11
Niemals zuvor in seinem Leben hatte Roland so glänzende Augen gesehen, nicht einmal auf dem Jericho Hill, als Cuthbert ihm ein lachendes Lebewohl entboten hatte.
»Dies ist das Ende unseres Ka-Tet«, sagte Eddie.
Roland nickte.
Eddie lächelte.
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