Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
Mund an. Roland fand, dass der Mann wie ein vom Stück gefesselter Theaterbesucher auf den billigen Plätzen wirkte; ihm fehlten nur noch ein Schoß voller Orangenschalen. Lengyll folgte dem Blick des Kanzlers und nickte.
Als Nächstes sah Rimer zu dem Gitarristen in der Mitte der anderen Musiker. Er hörte auf zu spielen; die anderen ebenso. Die Gäste sahen kurz dorthin, dann aber wieder in die Mitte des Raums zurück, als Thorin zu reden anfing. Wenn er sie so wie jetzt einsetzte, hatte seine Stimme nichts Lächerliches an sich – sie klang tragend und angenehm.
»Ladys and Gentlemen, meine Freunde«, sagte er. »Ich möchte Sie bitten, mir dabei zu helfen, drei neue Freunde willkommen zu heißen – junge Männer aus den Inneren Baronien, wackere junge Männer, die für den Bund im Dienste von Ordnung und Frieden eine weite Reise mit vielen Gefahren auf sich genommen haben.«
Susan Delgado stellte ihr Punschglas ab, entzog ihre Hand (unter nicht unerheblichen Schwierigkeiten) dem Griff ihres Onkels und klatschte. Andere stimmten ein. Der Applaus im Saal war kurz, aber herzlich. Eldred Jonas, fiel Roland auf, stellte sein Glas nicht ab, um einzustimmen.
Thorin drehte sich lächelnd zu Roland um. Er hob sein Glas. »Dürfte ich Euch mit wenigen Worten vorstellen, Will Dearborn?«
»Aye, das dürft Ihr, und mit Dank«, sagte Roland. Gelächter und neuerlicher Applaus ertönten angesichts dieser Wendung.
Thorin hob das Glas noch höher. Alle anderen im Saal folgten seinem Beispiel; Kristall funkelte wie Sterne im Licht der Kronleuchter.
»Ladys and Gentlemen, ich darf Ihnen William Dearborn aus Hemphill, Richard Stockworth aus Pennilton und Arthur Heath aus Gilead vorstellen.«
Bei Letzterem wurde entzücktes Aufstöhnen und Murmeln laut, so als hätte der Bürgermeister gerade einen Arthur Heath, der aus dem Himmel stammte, vorgestellt.
»Nehmt sie wohl auf, gebt ihnen wohl, und macht ihnen ihren Aufenthalt in Mejis angenehm und die Erinnerung daran noch angenehmer. Helft ihnen bei ihrer Arbeit, dem Ziel zu dienen, das uns allen so sehr am Herzen liegt. Mögen ihre Tage auf Erden lang sein. Das sagt euer Bürgermeister.«
»DAS SAGEN WIR ALLE!«, donnerte die Menge zurück.
Thorin trank; alle Anwesenden folgten seinem Beispiel. Erneut ertönte Applaus. Roland drehte sich um, ohne dass er es verhindern konnte, und sah Susan sofort wieder in die Augen. Einen Augenblick lang sah auch sie ihn freiweg an, und an ihrem offenen Blick konnte er erkennen, dass sie durch seine Anwesenheit ebenso erschüttert wurde wie er durch ihre. Dann bückte sich jene ältere Frau, die Ähnlichkeit mit ihr hatte, und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Susan wandte sich ab, ihr Gesicht eine gefasste Maske… aber er hatte die Anteilnahme in ihren Augen gesehen. Und dachte wieder, dass ungeschehen gemacht werden könnte, was geschehen war, und unausgesprochen, was gesprochen worden war.
8
Als sie den Speisesaal betraten, in dem heute Abend vier lange Tischreihen beieinander standen (so dicht, dass dazwischen kaum ein Durchkommen war), zerrte Cordelia ihre Nichte an der Hand weg von dem Bürgermeister und Jonas, der eine Unterhaltung mit Fran Lengyll begonnen hatte.
»Warum hast du ihn so angesehen, Miss?«, flüsterte Cordelia wütend. Die vertikale Linie auf ihrer Stirn war erschienen. Heute Abend sah sie so tief wie ein Graben aus. »Was ist nur in deinem hübschen dummen Kopf vorgegangen?« Miss. Allein das genügte, um Susan zu zeigen, in welch einer Rage ihre Tante war.
»Wen angesehen? Und wie?« Der Ton hörte sich richtig an, dachte sie, aber oh, ihr Herz…
Die Hand drückte ihre so fest, dass es wehtat. »Komm mir nicht so, Miss O So Jung Und Hübsch! Hast du diesen feinen Burschen vorher schon einmal gesehen? Sag mir die Wahrheit!«
»Nein, wie sollte das auch gehen? Tante, du tust mir weh.«
Tante Cord lächelte gehässig und drückte noch fester zu. »Besser jetzt ein kleiner Schmerz als später ein großer. Unterlass deine Dreistigkeit. Und lass deine lüsternen Blicke!«
»Tante, ich weiß nicht, was du…«
»Ich glaube doch«, sagte Cordelia grimmig und drückte ihre Nichte fest an die Holztäfelung, damit die anderen Gäste vorbeiströmen konnten. Als der Rancher, dem das Bootshaus neben dem ihren gehörte, Hallo sagte, lächelte Tante Cord ihm freundlich zu und wünschte ihm einen guten Abend, bevor sie sich wieder Susan zuwandte.
»Pass auf, Miss – pass sehr wohl auf. Wenn ich schon deine
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