Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
Kuhaugen gesehen habe, dann kannst du dir sicher sein, dass die halbe Gesellschaft sie auch gesehen hat. Nun, geschehen ist geschehen, aber das hört jetzt auf. Deine Zeit für derlei kindische Spiele ist vorbei. Hast du verstanden?«
Susan schwieg, und ihr Gesicht nahm diesen störrischen Ausdruck an, den Cordelia am meisten hasste; es war ein Anblick, bei dem sie ihre verstockte Nichte immer schlagen wollte, bis deren Nase blutete und ihr Tränen aus den grauen Rehaugen liefen.
»Du hast ein Gelübde abgelegt und einen Vertrag unterschrieben. Dokumente wurden getauscht, die Geisterfrau wurde konsultiert, Geld hat den Besitzer gewechselt. Und du hast dein Versprechen gegeben. Wenn so etwas deinesgleichen nichts bedeutet, Mädchen, bedenke, was es deinem Vater bedeutet hätte.«
Susan traten Tränen in die Augen, und Cordelia freute sich, das zu sehen. Ihr Bruder war ein leichtsinniges Ärgernis gewesen und hatte nur dieses allzu hübsche Frauenzimmer hervorgebracht… aber er konnte nützlich sein, sogar als Toter.
»Und jetzt versprich mir, dass du deine Augen bei dir behalten wirst und du einen großen Bogen um diesen Jungen machst, wenn du ihn kommen siehst – aye, so groß du nur kannst –, um ihm aus dem Weg zu gehen.«
»Ich verspreche es, Tante«, flüsterte Susan. »Ich verspreche es.«
Cordelia lächelte. Eigentlich war sie ziemlich hübsch, wenn sie lächelte. »Dann ist es gut. Gehen wir rein. Man starrt uns schon an. Halt meinen Arm, Kind!«
Susan nahm den gepuderten Arm ihrer Tante. Sie betraten den Raum nebeneinander, ihre Kleider raschelten, der Saphir auf Susans Brust funkelte, und es waren viele anwesend, die bemerkten, wie ähnlich sie einander sahen und wie zufrieden der alte Pat Delgado doch mit ihnen gewesen wäre.
9
Roland saß dicht am Kopf des mittleren Tisches zwischen Hash Renfrew (einem Rancher, der noch größer und vierschrötiger als Lengyll war) und Thorins ziemlich mürrischer Schwester Coral. Renfrew hatte dem Punsch tüchtig zugesprochen; jetzt, als die Suppe aufgetragen wurde, stellte sich heraus, dass sein Bierkonsum dem in nichts nachstand.
Er redete über das Fischereigeschäft (»nicht was es mal war, Junge, obwohl sie heutzutage nicht mehr so viele Muties mit den Netzen rausziehen, und das is ’n Segen«), das Farmgeschäft (»die Leute hier können fast alles anbauen, solangs Mais oder Bohnen sind«) und zuletzt über das, was ihm offenbar am meisten am Herzen lag: Pferdezucht, Pferderennen und das Ranchergeschäft. Diese Geschäfte liefen wie eh und je, aye, das taten sie, obwohl die Zeiten in den Gras-und-Küsten-Baronien seit vierzig Jahren oder mehr eigentlich ziemlich hart waren.
Wurden die Vererbungslinien nicht allmählich wieder reiner?, fragte Roland. Dort nämlich, wo er herkomme, sei das so.
Aye, stimmte Renfrew zu, ließ seine Kartoffelsuppe links liegen und stopfte stattdessen gegrillte Streifen Rindfleisch in sich hinein. Die aß er aus der bloßen Hand und spülte sie mit großen Schlucken Bier hinunter. Aye, junger Herr, die Vererbungslinien wurden reiner, wunderbar, wahrhaftig, drei Fohlen von fünf taugten zur Zucht – Vollblüter ebenso wie Halbblüter –, und das vierte konnte man zum Arbeiten behalten, wenn schon nicht zur Zucht. Nur eines von fünf wurde heutzutage mit zusätzlichen Beinen oder zusätzlichen Augen oder den Eingeweiden außen geboren, und das war gut. Aber die Geburtenraten waren im Keller, das waren sie; die Hengste, so schien es, hatten so viel Stöße wie immer in ihren Stoßstangen, aber nicht so viel Pulver zum Verschießen.
»Bitte um Verzeihung, Ma’am«, sagte Renfrew und beugte sich kurz an Roland vorbei zu Coral Thorin. Sie lächelte ihr dünnes Lächeln (es erinnerte Roland an das von Jonas), zog ihren Löffel durch die Suppe und sagte nichts. Renfrew leerte sein Bierglas, schmatzte herzhaft und hielt das Glas wieder hoch. Als es gefüllt wurde, wandte er sich wieder an Roland.
Es war nicht gut, nicht so, wie es früher gewesen war, aber es könnte schlimmer sein. Würde schlimmer sein, wenn es nach diesem Arschficker Farson ging. (Diesmal machte er sich nicht die Mühe, sich bei Sai Thorin zu entschuldigen.) Sie mussten alle an einem Strang ziehen, darauf kam es an – reich und arm, groß und klein, solange es noch etwas nützte zu ziehen. Und dann sekundierte er Lengyll und ließ Roland wissen, was immer er und seine Freunde wollten, was immer sie brauchten, sie müssten es nur
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