Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
Kopfschmerzen geltend. Sie war so blass, dass man sie ihr fast abnahm.
Um elf unterhielten sich der Bürgermeister, sein Kanzler und das Oberhaupt der neu ernannten Leibgarde im Arbeitszimmer des Bürgermeisters mit den wenigen verbliebenen Gästen (allesamt Rancher, alle Mitglieder des Pferdezüchterverbands). Das Gespräch war kurz, aber eindringlich. Mehrere der anwesenden Rancher brachten ihre Erleichterung darüber zum Ausdruck, dass die Sendboten des Bundes so jung waren. Eldred Jonas sagte nichts dazu, sondern sah nur auf seine blassen Hände mit den langen Fingern hinab und lächelte sein dünnes Lächeln.
Um Mitternacht war Susan zu Hause und entkleidete sich, um zu Bett zu gehen. Wenigstens um den Saphir musste sie sich keine Gedanken machen; es handelte sich um einen Edelstein der Baronie und war vor ihrem Weggehen wieder im Tresor im Haus des Bürgermeisters verwahrt worden, was auch Mr. Sind-wir-nicht-edel Will Dearborn davon und von ihr halten mochte. Bürgermeister Thorin (sie brachte es nicht über sich, ihn Hart zu nennen, obwohl er sie darum gebeten hatte – nicht einmal in Gedanken konnte sie es) hatte ihn ihr persönlich abgenommen. Im Flur gleich neben dem Empfangssaal war das gewesen, vor dem Gobelin, der Arthur Eld zeigte, wie dieser sein Schwert aus der Pyramide trug, in der es eingemauert gewesen war. Und er (Thorin, nicht der Eld) hatte die Gelegenheit genutzt, ihren Mund zu küssen und hastig über ihre Brüste zu streichen – ein Teil von ihr, der ihr den ganzen endlosen Abend lang viel zu nackt vorgekommen war. »Ich brenne darauf, dass der Erntetag kommt«, hatte er ihr melodramatisch ins Ohr geflüstert. Sein Atem hatte nach Branntwein gerochen. »Jeder Tag dieses Sommers kommt mir wie eine Ewigkeit vor.«
Jetzt, in ihrem Zimmer, wo sie sich das Haar mit heftigen, schnellen Strichen bürstete und den abnehmenden Mond betrachtete, glaubte sie, dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie so wütend gewesen war: wütend auf Thorin, wütend auf Tante Cord, außer sich vor Wut auf diesen selbstgerechten, eingebildeten Fant von einem Will Dearborn. Aber am meisten war sie wütend auf sich selbst.
»Es gibt drei Möglichkeiten, was du in jeder gegebenen Situation tun kannst, Mädchen«, hatte ihr Vater einmal zu ihr gesagt. »Du kannst dich dafür entscheiden, etwas zu tun, du kannst dich entscheiden, etwas nicht zu tun… oder du kannst dich entscheiden, dich nicht zu entscheiden.« Letzteres war, was ihr Da’ nie offen ausgesprochen hatte (weil es nicht nötig war), die Wahl von Schwächlingen und Narren. Sie hatte sich geschworen, dass sie selbst sich niemals dafür entscheiden würde… und doch hatte sie zugelassen, dass sie in diese hässliche Situation hineingeriet. Nun schienen alle Entscheidungen schlecht und ehrlos zu sein, alle Straßen entweder voller Steine oder bis zur Radnabe voller Schlamm.
In ihrem Zimmer im Haus des Bürgermeisters (sie teilte sich seit zehn Jahren keine Kammer mehr mit Hart und hatte seit fünf Jahren nicht mehr das Bett mit ihm geteilt, auch nicht kurzfristig) saß Olive in ihrem Nachthemd aus schlichter weißer Baumwolle und betrachtete ebenfalls den Vollmond. Nachdem sie sich in die wohlbehütete Abgeschiedenheit ihres Zimmers zurückgezogen hatte, hatte sie geweint… aber nicht lange. Nun waren ihre Augen trocken, und sie fühlte sich so hohl wie ein abgestorbener Baum.
Und was war das Schlimmste? Dass Hart nicht begriff, wie gedemütigt sie sich fühlte, und nicht nur ihretwegen. Er war zu sehr damit beschäftigt, herumzustolzieren und sich aufzuplustern (und zu beschäftigt, Sai Delgado bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den Ausschnitt zu schauen), um zu merken, dass die Leute – darunter sein eigener Kanzler – hinter seinem Rücken über ihn lachten. Vielleicht hörte das auf, wenn das Mädchen mit einem dicken Bauch zu ihrer Tante zurückgekehrt war, aber bis dahin würden noch Monate vergehen. Dafür hatte die Hexe gesorgt. Und wenn das Mädchen nicht gleich empfing, würde es noch länger dauern. Und was war das Dümmste und Demütigendste von allem? Dass sie, John Havertys Tochter Olive, ihren Mann immer noch liebte. Hart war ein jämmerlicher, eitler, wichtigtuerischer Geck von einem Mann, aber sie liebte ihn trotzdem.
Und da war noch etwas, davon abgesehen, dass sich Hart in seinen späten mittleren Jahren in einen Ziegenbock verwandelte: Sie glaubte, dass eine Art Intrige eingefädelt wurde, etwas Gefährliches und
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