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Der eiserne Gustav

Der eiserne Gustav

Titel: Der eiserne Gustav Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Hans Fallada
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irgendein Wesen in schwarzem, hochgeschlossenem Kleid, mit bleichem, wie gedunsenem Gesicht und einem glatten dunklen Madonnenscheitel …
    Zu vieren aßen sie zu Abend, es wurde wenig geredet, aber viel getrunken. Irgend etwas lag in der Luft, es wurde etwas vorbereitet, von dem Heinz nichts wußte. Die anderen drei aber schienen im Einverständnis …
    Immer wieder stand Erich auf, gab den Leuten auf der Diele Anweisungen, von denen er halblaut berichtete …
    »Nein, gar kein Oberlicht … Am besten lassen wir nur das Kaminfeuer brennen …«
    Oder: »Der Geiger ist eben gekommen, er wird oben auf der Galerie sitzen. – Nein, er braucht kein Licht, er ist ja blind …«
    Oder: »Noch etwas von dem Roastbeef, gnädiges Fräulein?«
    »Nein, danke. – Ich nehme vorher kaum etwas …«
    »Natürlich, ich hatte nicht daran gedacht …«
    Heinz hörte dies alles, überlegte flüchtig und dachte schon nicht mehr daran. Er war in einer schlimmen Verfassung. Den ganzen Nachmittag hatte Tinette nichts von ihm wissen wollen … Stundenlang hatte er in der Bibliothek gesessen, hatte ein Buch in die Hände genommen, hineingestarrt und schon wieder hingelegt … Dann war er auf die Diele hinausgetreten und hatte in das Haus gelauscht. Ein-, zwei-, dreimal hatte er an ihre Türe geklopft, wurde aber fortgewiesen …
    Was er noch nie getan hatte: Er war an Erichs Likörschrank gegangen und hatte sich rasch hintereinander ein paar Schnäpse eingeschenkt, irgendwelche. Es kam ihmnicht auf den Geschmack, es kam ihm auf die Betäubung an. In diesen langen grauen, immer graueren Nachmittagsstunden war ihm sein ewiger Zustand zwischen Verlangen und Erfüllung ganz unerträglich erschienen.
    Es geht nicht mehr so weiter, hatte er immer wieder gedacht. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende … Schließlich war er an das Telefon gegangen und hatte sich eine Autotaxe vor das Haus bestellt. Als er zu ihr hinaus wollte, war ihm Tinette in den Weg getreten.
    »Du kannst jetzt nicht fort, Henri. Ich brauche dich.«
    »Das sah den ganzen Nachmittag nicht so ausl«
    »Du hast getrunken! Pfui! Minna, geben Sie dem Chauffeur ein Trinkgeld, Herr Henri fährt nicht …«
    »Ich fahre doch – bleiben Sie hier!«
    »Du fährst nicht – schicken Sie die Taxe sofort weg.«
    »Ich gehe also. – Adieu, Tinette!«
    Plötzlich lachte sie hell auf. »Auf Wiedersehen, du alter, böser Junge! – Komm heute abend wieder. Nicht wahr? Ich habe doch eine Überraschung für dich!«
    Sie war hinter ihm hergelaufen, sie hatte ihre weißen Arme um seinen Hals gelegt. Was sie noch nie getan hatte, sie hatte ihn auf den Mund geküßt. »Lauf, lauf doch, du Böser! Nicht wahr, du kommst wieder? Henri …«
    Fast wäre er geblieben; hätte sie es verlangt, er wäre geblieben. Aber sie hatte sich schon wieder umgedreht, ihr Kimono wehte, so eilig lief sie zurück in ihr Zimmer.
    So war er gegangen. Er stieg in die Taxe. Das beseligende Gefühl ihres Armes, der ihn hatte zurückhalten wollen, war noch bei ihm, er fühlte noch den Geschmack ihres Kusses auf den Lippen. Es war, als hätte sie die Kette klirren lassen, da der Sklave fliehen wollte, diese Kette, die seine Füße zu nahe beieinander hielt, als daß er je aus ihrer Nähe hätte kommen können …
    Es war eine Schmach, so von ihr geküßt zu werden, sie rief ja seine Sinne auf gegen seinen Kopf – und doch …
    Der Wagen hielt. Langsam stieg Heinz aus. Trotzdem esschon dämmerte, brannte in dem kleinen Laden noch kein Licht. Mühsam unterschied er im Schaufenster die verstaubten Papierfähnchen, Fähnchen von Siegen, die schon längst vergessen waren. Der Stapel mit den Feldpostkartons lag noch immer umgestürzt. Wie immer bimmelte die blecherne Ladenklingel endlos, und wie immer kam trotzdem niemand, ehe er nicht ein paarmal kräftig »Hallo« gerufen hatte. Es war dann Frau Quaas, die kam, kaum unterschied er im Dunkel des Ladens ihre bekümmerte Gestalt.
    Es war so seltsam, hier wieder zu stehen, auf der Stätte der Jugendfreundin, nach allem, was geschehen war, was er erlebt hatte, woher er jetzt kam … Nun brannten in der Dahlemer Villa schon viele Lampen, alles war strahlend hell, er aber stand hier im Dunkeln – warum war er hierhergefahren? Was erwartete er von der Kleinen, die nichts verstand? Hilfe …? Er wußte doch, daß Hilfe nur von innen, nie von außen kommen konnte …
    Dann faßte ihn die Erinnerung an jenen Kuß im Torweg an … Wie aus weiten Fernen kam es daher,

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