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Der eiserne Gustav

Der eiserne Gustav

Titel: Der eiserne Gustav Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Hans Fallada
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eine Erinnerung an Reinheit, an Jugend, ihr feuchter Mund … Noch waren nicht alle Feuer verbrannt, noch trugen die Bäume ihre Blätter – stand er darum hier?
    »Ich möchte, Frau Quaas«, sagte er unsicher ins Dunkle hinein, »zwei Schreibfedern. Bremer Börse. E. F. Sehr spitz. – Ich heiße Heinz Hackendahl.«
    Die Frau im Dunkeln war ganz still, sie rührte sich nicht, sie machte keinen Versuch, ihm zu antworten oder ihm das Verlangte zu geben.
    »Nun, Frau Quaas«, fing Heinz wieder an, und er sagte es fast befangen. »Wollen Sie mir meine Federn nicht geben?«
    Keine Antwort.
    »Ich möchte gerne Irma sprechen«, sagte Heinz. »Sie haben doch verstanden, Frau Quaas. Ich bin Heinz Hackendahl. Sie kennen mich doch.«
    Plötzlich, hier im Dunkeln, schien es ihm ganz ungewiß, ob sie auch nur das verstanden hatte.
    »Gehen Sie aus meinem Laden«, sagte Frau Quaas plötzlich. Sie sagte es mit ihrer alten, weinerlichen Stimme, und doch war etwas Festes in dieser Stimme. »Bitte gehen Sie sofort aus meinem Laden.«
    Er war verblüfft. »Aber, Frau Quaas! Bitte, rufen Sie Irma, das muß ein Irrtum sein … Ich möchte nur ein paar Worte mit Irma reden …«
    »Sie sollen aus meinem Laden gehen«, beharrte sie. »Ich habe das Recht, die Polizei zu rufen, wenn Sie mich weiter belästigen, ich weiß das. Ich will Sie nicht in meinem Laden haben, Sie sind ein schlechter Mensch!«
    Heinz tastete nach einem Stuhl. Er wußte, hier mußte ein Stuhl stehen. Er stand immer hier; Frau Quaas brauchte ihn, um vom obersten Regal den Karton mit Glanzpapier für die Kinder herunterzuholen. Heinz fand den Stuhl, er stand an der gewohnten Stelle, aber sonst war alles hier ungewöhnlich, verändert …
    »Ich habe mich gesetzt, Frau Quaas«, sagte er. »Ich gehe nicht eher, als bis ich mit Irma gesprochen habe!«
    »Dann sitzen Sie nur!« rief sie höhnisch – für eine so ängstliche Frau war sie wirklich ungewöhnlich mutig. Nun fiel die Tür zu, und er saß allein im Laden.
    Er hätte jetzt gehen können. Er konnte doch nichts ausrichten – und was wollte er hier überhaupt ausrichten? Ein paar Worte mit Irma wechseln, die Freundin der Kindertage sehen und wiederum feststellen, daß sie ihn nicht halten konnte, daß er doch wieder zu der anderen, der Schönen, der Bösen zurückkehren würde? Versunkene Gärten der Kindheit – unwiederbringlich versunken –, du hast noch das Rauschen ihrer Bäume im Ohr, auf der Wange fühlst du noch die Wärme ihrer Sonne, die dir doch nie wieder so rein und warm aufgehen wird.
    Nein, es hatte keinen Zweck, hier noch zu warten. Irma war bestimmt nicht in der Wohnung, er fühlte es. Und doch blieb Heinz sitzen, die Villa in Dahlem mochte noch sostrahlend erhellt sein, die schöne Frau mochte noch so sehr locken – er blieb.
    Er saß in dem kalten, dunklen, staubigen Laden; eine Hand schlug langsam blätternd die Seiten seiner Jugend um, einer armen Jugend ohne Ideale, voller Hunger nach allem, was Leib und Seele nähren konnte … Und doch sprach er zu jeder Seite: Verweile doch, du bist so schön!
    Nichts verweilt. Draußen tutete ungeduldig der Chauffeur des Autos. Wir sind nicht auf dieser Welt, zurückzuschauen, wir haben unsere Straße weiterzugehen, eben dahin, oder aufwärts, oder den Berg hinab. Nur verweilen dürfen wir nicht. Heinz stand auf, er sprach ein paar Worte mit dem ungeduldigen Fahrer, gab ihm Geld, dann ging er in den Laden zurück.
    Jetzt war Frau Quaas wieder im Laden, sie stand auf dem Stuhl, sie hielt ein brennendes Streichholz in der Hand, mit dem sie das Gaslicht anzünden wollte. Bei seinem Eintritt ließ sie das Streichholz fallen, es glimmte einen Augenblick auf der Erde und erlosch.
    Frau Quaas, auf dem Stuhle stehend, rief kläglich: »Oh, bitte, bitte, gehen Sie! Sie quälen mich so … Bitte, gehen Sie …«
    »Ich quäle Sie …«, sagte er unentschlossen. Dann rasch: »Wo ist Irma? Ich will nur ein paar Worte mit ihr reden …«
    »Irma ist nicht hier, Irma ist bei Verwandten … Es ist wahr, Heinz, bestimmt!«
    »Sagen Sie mir bitte, wo Irma ist, Frau Quaas. Ich muß Irma sprechen …«
    »Sie können nicht mit Irma sprechen … Irma ist auf dem Lande, bei Hamburg … Nein, ich gebe Ihnen die Adresse nicht. Sie haben sie schon einmal beinahe getötet …«
    »Beinahe getötet …«, wiederholte er zweifelnd und horchte dem Klang der Worte nach, die ihm sinnlos erschienen.
    Er stand unten, Frau Quaas noch immer oben auf ihrem Stuhl, beide im fast völlig

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