Der eiserne Gustav
Dunkeln. Von Zeit zu Zeit brannte Frau Quaas ganz mechanisch ein Streichholz an, vergaß es und ließ es fallen, ehe sie das Gas angezündet hatte.
»Höhnen Sie noch!« rief sie jetzt, empört über seine zweifelndeFrage. »Sie müssen doch wissen, daß mein Mädel Sie geliebt hat. Sie haben sich doch geküßt! Fast gestorben ist sie, als Sie all die Tage und Wochen nicht kamen …«
»Frau Quaas …«, bat er.
Sie hörte ihn nicht. »Und die Nacht damals«, rief sie, »als es anfing, als sie um vier nach Haus kam, den ganzen weiten Weg von Dahlem her war sie in der Kälte zu Fuß gelaufen, und sie liegt endlich im Bett und zittert und klappert mit den Zähnen … Und ich denke noch, sie hat sich bloß erkältet, und mache ihr eine Steinkruke heiß … Aber sie sagt: ›Das ist es nicht, Mutter, er liebt jetzt eine andere. Mit mir ist es aus …‹«
Jetzt weinte die alte Frau oben auf ihrem Stuhle heftiger. »Es tut mir sehr leid«, sagte Bubi leise. »Ich habe nicht gewußt, Frau Quaas, daß es der Irma so ernst war …«
Ihr Weinen brach sofort ab.
»Nein, das haben Sie natürlich nicht gewußt, Herr Hackendahl!« rief sie. »Aber haben Sie überhaupt einmal darüber nachgedacht?! Sie haben Irma geküßt, sie hat es mir selber erzählt, aber dann ist eine andere gekommen, und Sie haben Irma sofort vergessen. Ob es ihr ernst war? Das ist Ihnen ja ganz gleich! Sie interessiert nur, was Ihnen ernst ist … Ich sage es ja, Sie sind ein böser Mensch …«
»Guten Abend, Frau Quaas«, sagte Heinz Hackendahl. »Wenn Sie der Irma schreiben, sagen Sie ihr, es täte mir sehr leid …«
Einen Augenblick stand er zögernd an der Tür, die Klinke schon in der Hand. Dann sagte er es doch noch: »Ich bin nämlich kein schlechter Mensch, Frau Quaas«, sagte er. »Ich bin nur ein schwacher Mensch. – Vorläufig noch …«
Ehe sie noch etwas hätte antworten können, war er gegangen.
11
Und nun saß er eben doch wieder im Speisezimmer der Villa und aß Roastbeef mit jungen Gemüsen. Das bleiche Fräuleinaber mit dem dunklen Madonnenscheitel aß kein Roastbeef, weil es das »vorher« nie tat, mochte dies nun bedeuten, was es wollte.
Ungewohnt schweigsam saßen sie bei Tisch, kaum ein Wort wurde gesprochen. Manchmal klirrte sachte ein Löffel gegen das Porzellan, und der Ton verklang in einem völligen Stillschweigen.
Wie Verschwörer, dachte er. Aber auf was verschwören wir uns?
Er sah zu Tinette hinüber. Sie hielt ihr Weinglas in der Hand, ließ den Wein im Glase kreisen und sah diesem Spiel zu, mit sanftem, rätselhaftem Lächeln. Dann sah er das fremde Fräulein an, plötzlich entdeckte er, daß ihr Gesicht dick mit weißem Puder bestreut war. Die rotgemalten Lippen leuchteten aus der Weiße wie blutig – ihm war es, als säße er einer Gestorbenen gegenüber, die geheimnisvoll wieder dem Grabe entstiegen war.
»Ich war heute nachmittag bei Irma, Tinette«, sagte er laut, um den Bann zu brechen.
»Gewiß, Henri«, antwortete Tinette gedankenlos. »Es ist schon recht.«
Dann schwiegen sie wieder alle.
Durch die Tür kam, von einem seiner geheimnisvollen Gänge, die brüderliche Liebe, Erich. Seltsame Töne klangen von der Diele her, jetzt schrill, nun sanft und voll … Heinz wäre fast aufgesprungen von seinem Stuhl. Dann fiel ihm ein, daß dies der Geiger war, der draußen sein Instrument stimmte …
Der Bruder berichtete halblaut, daß die Dienstboten schon das Haus verlassen hätten … »Sie haben alle Urlaub bis morgen früh … Minna deckt nur noch schnell ab, wenn wir fertig sind, und geht dann auch …«
»Gut, mein Freund«, sagte Tinette. »Wir sind fertig. Wenn du noch etwas möchtest …?«
Erich sah prüfend die Gerichte auf dem Tisch an, als überlege er, was er noch essen möchte. Aber plötzlich machte ereine rasche Bewegung. »Nein, danke«, sagte er. »Ich esse nichts mehr … Wenn ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen darf, gnädiges Fräulein …«
Das fremde Mädchen ging dem Bruder nach durch die Tür. Plötzlich sah Heinz: Das Mädchen ging wie eine Königin. Nein, wie wir manchmal im Traum zu gehen meinen, wenn der Leib schwerelos geworden ist, und man meint fliegen zu können. So ging dieses Mädchen.
Tinette und Heinz waren allein …
»Was soll das eigentlich heute alles bedeuten?« fragte Heinz fast kriegerisch. Aber es war nur ein Versuch, und ein vergeblicher, die Verzauberung, die auch ihn gefangenhielt, zu lösen.
»Nicht wahr? Wir müssen dir sehr geheimnisvoll vorkommen
Weitere Kostenlose Bücher