Der eiserne Gustav
schliefe sie, spräche aus dem Schlafe …
»Es wird Zeit!« rief sie ein drittes Mal, fast singend, aber für was es Zeit wurde, das sagte sie nicht.
»Ja, es wird wirklich Zeit«, sagte plötzlich auch Erich. »Entschuldige, Bubi, du wirst ja sehen. Vielleicht wird auch Tinette …«
Aber er sprach nicht weiter, er ging zu dem dritten Sessel, drüben, jenseits Tinettens; er entschwand dem Blick von Heinz. Dann wurde es ganz still auf der weiten Diele. Nur ab und zu knisterte ein Scheit im Kamin, und Funken stoben, sehr rot …
Heinz saß wütend in seinem Sessel, wütend, und doch fühlte er, daß er selbst nicht mehr ganz frei war von der Erwartung der beiden anderen. Tanzen – nun schön, aber wegen ein bißchen Tanzen würden weder Erich noch Tinette so geheimnisvolle Vorbereitungen treffen! Die Dienstboten aus dem Haus – und vielleicht würde auch Tinette … hatte Erich gesagt …
Hört mal, will er gerade sagen, da merkt er, daß der Geiger (der blinde Geiger!) oben zu spielen angefangen hat, und sagt nichts … Sondern horcht …
Klare, silberne Klänge – und plötzlich wendet Heinz, als sei er angerufen worden, den Kopf, und da sieht er sie die Treppe hinabkommen, sie, die Fremde – mit dem königlichen Gang, sie, bei der er zum ersten Male gesehen, daß der aufrechte Gang des Menschen etwas Göttliches ist, das ihn von allen anderen Wesen unterscheidet …
Mit diesen göttlich bewegten Gliedern steigt sie die Treppe hinab – und sie ist völlig nackt. Er schließt die Augen – ist es denn ein Traum, der ihn narrt? Aber nein, natürlich ist sie nackt, sie muß nackt sein, wer so geht, so die Glieder rührt, für den sind alle Kleider nur ein Hemmnis!
Sie steigt die Treppe hinunter, ganz dicht geht sie an Heinz vorüber, wie eine weiße Flamme, etwas Schönes, Schweigendes, Stilles – und stille steht sie vor dem Feuer im Kamin. Die Geige oben fängt an, sie zu rufen, zu locken … Sie aber steht still da, den Kopf gesenkt, als höre sie in sich, als höre sie, wie Heinz, die Töne der Geige nicht von oben kommen, sondern in sich …
Was ist geschehen? Wann fing sie an sich zu regen? Sie biegt sich, ihre Hände bewegen sich, ihre Arme gleiten – und es ist doch schon wieder vorbei … Die weiße Flamme springt, siebiegt sich. Ein Windstoß scheint sie fortzuwehen, auszulöschen. Aber schon ist sie wieder da, weißer und königlicher als je. Und nun, o Wunder! scheint sie sich, mit geschlossenen Füßen, ohne Bewegung, von der Erde zu lösen, emporzusteigen, schwerelos …
Was ist das? Warum ist sie stehengeblieben? Steht nur und lauscht, während die Geige dort oben immer weitersingt? Sie tanzt nicht mehr, stille steht sie und lauscht. Sie wartet. Immer neu tanzt der Lichtschein über ihren Leib, gleitet über die Hüften, hebt die Spitze der Brust aus dem Dunkel und eilt weiter, ihren Arm zu erhellen, den sie jetzt hebt, winkend, lockend …
Langsam bewegt Heinz Hackendahl den Kopf nach der Seite. Wem winkt sie denn? Wen lockt sie denn?
Er sieht Tinette – sie ist aufgestanden aus ihrem Sessel, sie steht da. Langsam, wie im Schlaf, streift sie die Kleider von sich, eines um das andere, sie läßt sie hinabgleiten zur Erde, eines um das andere. Sie steigt aus dem Rock, der an ihr hinuntergleitet und nun um sie liegt wie eine dunkle Schale, die abfiel. Abfiel von einer silbernen Frucht. Denn da steht sie, immer schlanker, immer silberner …
Ich muß die Augen schließen, denkt er. Ich ertrage es nicht … Ich will sie nie so sehen, ich könnte es nie vergessen …
Er aber starrt immer weiter, sieht sie dastehen, silbern, geträumtes Bild, aus den Wolken wahrhaftig herausgetreten, die ängstlich behütete Venus seiner Schülerträume.
Wie ruft und lockt jetzt die Geige! Die Welt grüßt sie, das Leben ruft sie. Was wir geträumt hatten, es wurde Wahrheit, über all unsere Träume hinaus …
Die beiden Frauen gleiten aufeinander zu, sie strecken einander die Hände entgegen – aber was tritt dazwischen? Eine ist entglitten, eine faßt nach der anderen. Locken und Suchen, Fliehen und auch Verlocken. – Sie nähern einander wieder … Leise klingt die Geige, leise knistert das Feuer … Eine im Arm der anderen …
Aneinandergelehnt scheinen sie sich in die Gesichter zu schauen, in den Augen zu suchen – nach was?! Beide lächelnjenes rätselhafte Lächeln, das Tinette schon den ganzen Abend gelächelt … Ein Lächeln aus Urzeiten her, jenes wissende, traurige Lächeln über das
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