Der eiserne Gustav
gekommen, von innen her, der Gefangene hatte sich selbst befreit. Der Sklave hatte aus den Gelüsten der Herren das Werkzeug gemacht, das seine Kette zerbrach …
Er sah noch einmal nach der Villa und ging. Ging befreit.
12
Mit dem Waffensammeln war es vorbei – diese Aufgabe konnte Professor Degener dem wieder Heimgekehrten nicht übertragen.
»Nein, damit ist es vorbei, Hackendahl«, sagte er dünn lächelnd. »Sie werden es übersehen haben, Sie waren ziemlich weit verreist, nicht wahr? Alle Waffen sind abzuliefern – unbefugter Waffenbesitz wird mit Gefängnis bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bis zu hunderttausend Mark bestraft. – Ich habe natürlich keine hunderttausend Mark.«
»Sie haben die Waffen der Regierung abgeliefert …?«
Der Professor lächelte wieder. Er betrachtete seine feinfingerigen, weißen Hände mit dem Geflecht bläulicher Adern. »Es gibt keine Waffen mehr, Hackendahl«, sagte er sanft. »Ich höre von Ihren Kameraden, daß es in ganz Berlin keine Waffen mehr gibt – alle zweifellos abgeliefert, wie das Gesetz es befahl. – Nein, ich würde es auch für richtig halten,daß Sie sich nun, heimgekehrt von der weiten Reise, ein wenig mit Ihrem Abitur beschäftigen, Hackendahl. In vierzehn Tagen beginnen die schriftlichen Arbeiten …«
Heinz machte eine ärgerliche Gebärde. »Ich möchte eine richtige Arbeit haben, Herr Professor. Irgend etwas, das mich ganz ausfüllt. Ich fühle mich so leer …«
»Nun, nun! Das ist wohl immer so, wenn man verreist war … Die Arbeit schmeckt noch nicht, sagt man dazu. Immerhin wäre schlichte, solide Arbeit des Schweißes eines – Hackendahl wert. Ich höre nicht gerade Günstiges murmeln in gewissen Räumen über einen gewissen Schüler.«
»Verstehen Sie doch, Herr Professor«, bat Heinz dringender. »Ich möchte eine richtige Aufgabe haben, etwas, für das ich mich ganz einsetzen kann …«
Professor Degener nickte langsam. »Jawohl! Schön, schön! Freilich!« sagte er. »Aber die Sache ist die, daß ich keine Aufgabe für Sie sehe. Ihre Kameraden haben mich das gleiche gefragt, als es mit den Waffen zu Ende war. Ich habe ihnen auch nur sagen können: Wartet ab, habt Geduld!«
»Aber …«, fing Heinz Hackendahl an.
»Sehr richtig!« unterbrach ihn der Lehrer. »Aber die Jugend hat keine Geduld zu warten. Sie möchte ernten, ehe sie noch gesät hat. Nun gut, Ihre erste Aufgabe, Primaner Hackendahl, ist es, ein erstklassiges Abitur zu bauen!«
»Ich kann doch mit dem Abitur nichts anfangen!« rief Heinz verzweifelt. »Mein Vater hat kein Geld mehr, mich studieren zu lassen …«
»Trottel!« sprach der Professor liebevoll. »Sie sollen ein erstklassiges Abitur um Ihrer selbst willen bauen. Nicht um studieren zu können. Studieren dürfen Sie auch mit einem sehr mäßigen Abitur. Um Ihrer selbst willen, um sich selbst zu beweisen, daß Sie etwas fertigbringen im Leben. Sagen Sie mal, mein Schüler – was haben Sie denn schon fertiggebracht in Ihrem Leben?«
»Nichts!« sprach Heinz kummervoll.
»Wiederum Trottel!« höhnte der Professor. »Fünf Plätzerunter, der Schüler Hackendahl! Bei Ihrer Ausbildung konnten Sie nämlich noch gar nichts fertigbringen im Leben! Aber das Abitur, das haben Sie jetzt fertigzubringen, das ist Ihre erste Aufgabe im Leben, Schüler Hackendahl; und die werden Sie mir erstklassig erledigen! – Ich …«
»Ich …«, unterbrach Heinz.
»Ruhe!« donnerte der Lehrer. »Welcher von den Erinnyen gehetzte Pennäler wagt es, den Redefluß seines Lehrers zu unterbrechen?! Ich schwöre Ihnen«, fuhr er in ebendiesem Redefluß fort, »daß ich, all Ihrer Leistungen in den toten Sprachen ungeachtet, daß ich selbst Ihnen ein Ungenügend in Latein und Griechisch aufdonnern werde, sollten Sie in den anderen Fächern nicht völlig beschlagen sein!« Er lächelte hohnvoll. »Mit Pauken und Trompeten werden Sie durchrasseln, Hackendahl!«
Soviel Entschlossenheit gegenüber wurde es Heinz wirklich schwül. Er war sich im Moment einiger Schwächen sehr lebhaft bewußt, Schwächen, die auch seinen Lehrern nicht ganz unbekannt geblieben waren.
»Wenn ich im Abitur durchrassele«, sagte er mit einem gewissen eigensinnigen Trotz, »kann ich es nie machen. Mein Vater hat kein Geld, mich noch ein Jahr auf die Schule zu schicken!«
»Um so notwendiger, ungewöhnliche Anstrengungen zu machen«, meinte der Professor trocken. »Sie haben doch nicht den Wunsch, schon bei dieser ersten Lebensklippe zu scheitern –
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