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Der eiserne Gustav

Der eiserne Gustav

Titel: Der eiserne Gustav Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Hans Fallada
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falls dies überhaupt der erste Schiffbruch ist …«
    Professor Degener schwieg. Er war immer ein Mann gewesen, der gerne das Kind beim rechten Namen genannt hatte, und er hätte es für unrühmlich erachtet, aus Zimperlichkeit eine Wunde des wirklich reichlich verliederten Schülers Hackendahl zu schonen. Eine Wunde aus einem keinesfalls sehr edlen Kampfe – man mußte nur das käsige Gesicht und das scheue Auge des Bengels betrachten. Professor Degener brachte alles Verständnis für Jugendtorheiten auf, aber er war ohne eine Spur von Sentimentalität.
    Doch übertrieb er es auch wieder nicht, weidete sich nicht an der Verlegenheit des Durchschauten, sondern fuhr nach einer kurzen Pause aufmunternd fort: »Also Aufgabe eins: das Abitur. – Schon scheint mir nach Ihren Worten auch Aufgabe zwei zu winken, nämlich etwas für Ihre Eltern zu tun. Sie sind gesund, kräftig, haben eine hübsche Ausbildung – mein Lieber, Sie werden ganz einfach und phrasenlos erst einmal arbeiten und dabei lernen, wie schwer das Geld verdient wird, das Ihr Vater siebzehn Jahre lang alle Tage für Sie bereit hatte …«
    Heinz Hackendahl schwieg. Irgendwie hatte er von Opfern geträumt, etwas Großem, etwas Heldischem … Und nun wurde ihm ganz einfach gesagt: Mach dein Examen und verdiene Geld! – Es war schrecklich ernüchternd und enttäuschend …
    »Meine Aufgaben gefallen Ihnen nicht?« fragte der Professor. »Mein lieber Hackendahl, ich sehe schlimme Zeiten voraus, noch schlimmere Zeiten, als wir überstanden haben. Ein jeder wird Not haben, in seinem eigenen kleinen Bezirk auf Ordnung und Sauberkeit zu sehen. Ich fürchte, es wird keinem an Aufgaben fehlen, wohl aber an Kraft für seine Aufgaben. – Ich habe wenig Ahnung von Ihren persönlichen Umständen, Hackendahl. Aber sollte nicht auch bei Ihnen, gewissermaßen schon im engeren Familienkreise, sich eine ganze Reihe von Aufgaben für einen jungen, tatenlustigen Menschen finden …?«
    Der Lehrer schwieg abwartend. Aber Heinz wollte nicht, er hatte doch an etwas Großes gedacht …
    »Hackendahl!« rief der Professor. »Seien Sie doch ehrlich! Ich lese es ja von Ihrem Gesicht ab, Sie wissen Aufgaben genug. Aber sie sind Ihnen zu klein. Sie meinen Deutschland – aber sollten Sie nicht für eine solche Aufgabe doch ein wenig klein geraten sein?! Wie? Grade jetzt?! Und dann, mein Lieber, bedenken Sie doch, wie kann der Leib gesund sein, wenn die Zelle krank ist? – Machen Sie erst einmal Ihre Zelle gesund,und dann wollen wir weitersehen …« Er reichte ihm über den Tisch fort die Hand.
    »Ich erwarte, daß ich Sie jetzt täglich im Gymnasium sehe. Mit aktiver Beteiligung am Unterricht. Dann – nach abgelegter Reifeprüfung – sprechen wir uns wieder, Hackendahl. Nach abgelegter Reifeprüfung, verstanden?!«

13

    So ging der Schüler Heinz Hackendahl wieder zur Schule. Eine Zeitlang war er weit verreist gewesen, er hatte in einer ungesunden Fieberluft gelebt. Aber am Ende hatte er doch die Kraft gefunden, den Sümpfen zu entfliehen – nun ging er wieder mit anderen Schülern zur Schule …
    Im Anfang kam es ihn hart an, wie ihn nach dem üppigen Dahlemer Essen die knappe Kost der Wexstraße hart ankam. Aber wie sein Körper sich in wenigen Tagen umstellte, gewöhnte sein Geist sich schnell, an gegebenen Aufgaben zu arbeiten, statt die Wünsche einer quälerischen Frau zu erraten. Manchmal, in der Pause etwa, wenn er mit den anderen auf den Bänken saß, und sie klapperten mit den Pultdeckeln, redeten ihr geliebtes, hochtrabendes, albernes Schülerdeutsch und benahmen sich überhaupt mit Sprache und Schlägen auf den Bizeps recht robust – manchmal überkam ihn plötzlich die Erinnerung, und ihm fiel ein, wie er als mondäner junger Herr bei französischen Modistinnen gesessen, auf dem Barschemel gehockt und einer schönen Frau bei der Toilette zugeschaut …
    Dann sah er plötzlich mit anderen Augen in die unfertigen, blassen, schlecht rasierten, pickligen Gesichter, hörte mit Widerwillen ihre groben Scherze, roch voll Ekel diese Luft aus Hunger und Ungewaschenheit – er dachte: Lohnt sich das denn? Man kann ja so viel leichter leben …
    Aber dann kam vielleicht gerade Professor Degener in das Klassenzimmer, und der Satz fiel ihm ein, daß man wohl in den Schmutz fallen kann, aber nicht liegenzubleiben braucht …Oder aber es überlief ihn schon bei dem Gedanken an das »Leichterleben« ein Schauder. Dann warf er mit ingrimmiger Lust seinem Feinde Porzig vor, daß

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