Der eiserne Gustav
auf ihn geschossen habe. Und es hat mich so gequält, und ich habe nicht gewußt, was ich anfangen soll. Immerzu habe ich getrunken. Ich bin auch jetzt betrunken. Aber wenn ich noch so betrunken war, daß ich kein Glied mehr rühren konnte –
das
hat nicht in mir geschwiegen. Das war immer da – und es hat mich so gequält, noch schlimmer, als er mich gequält hat …«
Sie schwieg einen Augenblick. Tief in Gedanken, weit in eigenen Erinnerungen verloren, streichelte Heinz ganz gedankenlos Evas Hände.
»Und ich habe gedacht, ich muß endlich Ruhe haben«, fuhr sie wieder fort. »Und weil ich im Leben doch nie Ruhe kriege, so muß ich sterben. Da habe ich gehört, daß sie was vorhaben gegen die Matrosen, und ich habe mich hingeschlichen am Abend in den Marstall. Und kaum bin ich dringewesen, da haben die Noskes angefangen mit Schießen. Mit Kanonen haben sie auf den Marstall geschossen, und der hat lichterloh zu brennen angefangen. Aber wie ich das gehört habe, das Schießen, und wie die Sterbenden schrien, und wie die Flammen prasselten – da bin ich halb toll geworden vor Freude, weil ich gedacht habe, nun werde ich auch sterben. Und ich habe getanzt vor denen und gesungen und habe ihnen geholfen bei ihren Gewehren, und die haben gesagt: ›Die Kleine ist richtig.‹ Denn die anderen Weiber haben gemacht, daß sie in den Keller getürmt sind. – Aber die haben nicht gewußt, warum ich so bin …«
Sie schwieg. Dann sagte sie: »Und es hat mir doch nichtsgeholfen, es ist wieder nichts geworden mit dem Sterben. Als es wirklich soweit war, und es brannte schon überall, und nun sollte es losgehen damit – da haben sie sich einfach ergeben! Und mich haben sie mit rausgeschleppt, ich habe bitten können, soviel ich wollte. – Nein«, sagte Eva Hackendahl und sah den Bruder fast kindlich grübelnd an, »es soll eben so sein: Entweder stirbt er durch mich oder ich durch ihn. Und da wird er es wohl sein, der es schafft …«
»Was schafft? Du sagst doch, du hast ihn erschossen.«
»Das habe ich auch, direkt ins Gesicht hinein. Und er fiel auch gleich so schwer um, als wäre er ganz von Blei …«
Wieder dachte sie nach. Dann sagte sie hartnäckig: »Glaubst du, Bubi, daß Mutter mir Geld gibt, daß ich fortreisen kann …?«
Heinz betrachtete nachdenklich die Schwester. Manchmal wollte es ihm scheinen, als sei sie verwirrter, als es auch ein betrunkener Mensch sein kann, als habe sie schon die Grenze zwischen Sinn und Wahn überschritten. Aber er wußte es nicht, er wußte auch niemanden, den er hätte fragen können darum. Er konnte nur sie fragen …
Das tat er denn auch. Er fing an, sie vorsichtig auszufragen, und langsam erfuhr er Wort um Wort ihre Geschichte, von jenem Diebstahl im Warenhaus an bis zum Schuß in der Plättstube einer Dahlemer Villa – kaum fünf Minuten ab von jenem anderen Haus, in dem er selbst um jene Zeit in schwere innere Bedrängnis geraten war.
Ja, da konnte er wohl aufmerksam sitzen und zuhören, wie seine Schwester Eva immer fester in die Hörigkeit eines schlechten Menschen geraten war, und oft schien es ihm, als werde ihm sein eigener Leidensweg erzählt, und wenn Eva leidenschaftlich rief: »Was sollte ich denn gegen ihn tun, Bubi …?! Ich konnte doch gar nichts – und oft war es grade, als ob das Schlimmste, was er mir tat, mich irgendwo drinnen am meisten freute! Aber das kannst du nicht verstehen!«
Dann nickte er und sagte: »Doch, doch, Eva, das versteheich schon. Dann freut es einen, wenn wieder etwas drinnen kaputtgeht, und man denkt: grade recht! Soll nur alles entzweigehen – um so besser!«
»Ja, so ist es!« rief sie dann und erzählte eifriger weiter.
Als Eva aber zu Ende war mit ihrem Bericht und nun anfing, sich anzuklagen und Eugen anzuklagen und die Welt und den Vater und Gott – da überlegte er, was denn nun zu tun sei bei der Sache, und was er selbst dabei tun könne, und wieweit sie ihm dabei helfen könne, und wieweit überhaupt noch Verlaß auf sie war …
Mit dem Wegreisen, dem Ausreißen war es ja nichts. Dafür fehlte alles Geld bei ihr und bei ihm und bei den Eltern auch – das war das erste, was er ihr sagen mußte. Und mit dem Ausreißen war es überhaupt nichts; als sie geglaubt hatte, er sei tot, war sie ja auch nicht ruhig geworden, sondern hatte sterben wollen, und hatte getrunken, bloß um zu vergessen. Nein, zuerst mußte man erfahren, was es mit jenem Schuß in der Kellerstube eigentlich auf sich hatte …
»Denn wenn du ihn
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