Der eiserne Gustav
wirklich erschossen hättest, Eva, dann hätte dich doch längst die Polizei geholt, daran mußt du doch denken!«
Das aber hätte Heinz lieber nicht sagen sollen, denn nun kam bei Eva zu der Angst vor Eugen noch die Angst vor der Polizei, vor Gerichten und Gefängnis – und auf der Stelle wollte sie fort! Wenn sie nicht aus Berlin fort konnte, wollte sie wenigstens in Berlin umziehen. Sie wußte zehn Gelegenheiten, wo sie unangemeldet wohnen konnte!
Heinz sah mit tiefem Verwundern, daß Eva solche Angst vor Polizei und Gerichten hatte, als sei sie noch die brave Bürgerstochter von ehemals. Und er hatte sie doch dazu bringen wollen, sich der Polizei zu stellen, damit sie endlich ihre verschleppte Rechnung glattmachen und ohne Angst vor den Drohungen eines Bast leben könne …
Aber an ein solches Geständnis war im Augenblick gar nicht zu denken. Eva fuhr aus dem Bett und in ihre Schuhe:Auf der Stelle mußte sie umziehen! Vielleicht wurde sie schon von der Polizei gesucht!
So war das erste, was Heinz für seine Schwester tun mußte, etwas, das ganz gegen seinen Kopf war: ein Umzug in einer Taxe, ein Umzug mit hastigem Packen, faustdicken Andeutungen bei den anderen Mädchen, mit kleinen Schnäpsen dazwischen, mit tuschelnden Erkundigungen bei der Wirtin nach anderen Wirtinnen – ein Umzug, der selbst für den dümmsten Polizisten ohne weiteres zu ermitteln war.
Er stand dabei und versuchte, wenigstens beim Packen zu helfen. Die Mädchen sahen ihn frech an oder neugierig. Sie unterhielten sich mit der Schwester in seiner Gegenwart recht ungeniert über ihn und fanden, daß er noch sehr jung sei. Er fand das selbst und lief zur Wäscherin und erreichte mit großem Energieaufwand, daß ihm die Wäsche naß ausgehändigt wurde, wie sie eben gerade war. »Denn meine Schwester muß eilig verreisen …«
Die Wäscherin grinste unverhohlen, denn sie wußte gut, was für eine Schwester diese Schwester war und daß die eiligen Reisen solcher Schwestern meistens mit dem grünen Polizeiwagen erfolgten, das wußte sie auch …
Schließlich saß er dann neben Eva in der Taxe, ein bißchen verdrossen über all diese Liederlichkeit und Hast, denn er hätte die Sache lieber ein bißchen in Ordnung gebracht, statt sie noch verwirrter zu machen. Eva aber lächelte plötzlich ganz vergnügt (die kleinen Schnäpse hatten ihre Wirkung getan) und erklärte, sie sei froh, daß sie von der »Ollen« weg sei, die ihr viel zuviel für Zimmer und Essen abgenommen habe … Und überhaupt sei die Tauentzien schon lange nicht mehr das richtige für sie gewesen, dort machten nur die Jüngsten und Schicksten Geschäfte. Im Norden, in der Tieck-oder Schlegelstraße, sei es viel besser für sie! Ob Heinz nicht sehe, daß sie schon Runzeln bekomme …?
Und nun fing sie an, darüber zu weinen, wie schnell sie alt werde, und überhaupt solch ein Mädchen, mit einem Bein immer im Kittchen und mit dem anderen im Krankenhaus,es sei nicht zu ertragen … Aber es liege nur am Vater, wenn Vater nicht immer alle angebrüllt hätte, würde sie sich nie mit Eugen eingelassen haben …
Heinz hörte sich das trübe an. Er überlegte, ob die Aufgabe, die ihn da aus dem Schlaf geweckt hatte, überhaupt noch eine Aufgabe war, ob der Fall Eva nicht längst und für ewige Zeiten erledigt war.
15
In der nächsten Zeit stellte Heinz sich diese Frage noch öfter, wenn sich trotz seiner Bemühungen alles doch immer mehr zu verwirren, und Eva unter dieser Verwirrung doch kaum zu leiden schien. Sondern Verwirrung, Unordnung schienen recht eigentlich ihr Element …
Später aber gab er alles Fragen und Zweifeln auf. Professor Degener hatte einmal gesagt, er müsse versuchen, im eigenen kleinen Kreis Ordnung zu schaffen, die geringe Aufgabe vor der großen zu bewältigen. Das versuchte er. Wenn er ganz niedergeschlagen war, versuchte er sich vorzustellen, wie jetzt in Deutschland Tausende dabei waren, das vom Krieg Zerstörte langsam wieder aufzubauen. Steinchen um Steinchen, ganz im kleinen, eine Geduldsarbeit. Erst muß die Zelle gesund sein, hatte Professor Degener gesagt.
Ich bin ein Aufräumer, dachte er. Und rannte seine vielen fruchtlosen Wege, achtete nicht auf das Schelten der Schwester, ja, dachte manchmal mit lächelnder Überlegenheit: Alles Wehren hilft dir nichts. Ich hole dich auch gegen deinen Willen aus dem Dreck …
Das war nicht so leicht. Nach der Schule, zwischen den Arbeiten für das Maturum lief er in der Stadt umher und versuchte
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