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Der eiserne Gustav

Der eiserne Gustav

Titel: Der eiserne Gustav Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Hans Fallada
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schien ein noch junger Mann zu sein, aber so genau war das nicht zu sagen: Das ganze Gesicht des Mannes war eine Narbe mit schrecklichen, grauschwarzen Rändern, die ineinanderliefen wie die farbigen Grenzlinien einer Landkarte … Von den Lippen war kaum noch etwas da, die Nase sah schwarz aus, als sei sie verbrannt, aber das Schlimmste waren die Augen mit ihren eingeschrumpften Augäpfeln, die ohne Pupillen waren, wie mit einer gelblichen Haut überwachsen …
    Dieser Bettler lehnte stehend an einer Hauswand, er hielt das Gesicht den Vorübergehenden entgegen, und als sei dieses Gesicht, und als sei das Schild »kriegsblind« noch nicht genug, sprach er in ganz gleichmäßigen, kurzen Zeitabständen monoton, ohne Hebung, ohne Klage ein Wort jedemVorübergehenden zu, immer wieder, immer wieder: »Blind. – Blind. – Blind. – Blind …«
    Es war etwas Schreckliches, etwas viel Schrecklicheres als Klage in diesem einen monotonen Wort »Blind«, es war wie das seelenlose Ticken einer Uhr, es schien unterzugehen im Straßenlärm – und plötzlich blieben Eilige, sehr Eilige doch stehen und legten Geld in die vor der Brust liegende geöffnete Hand …
    Nie sagte der Mann ein Wort des Dankes, nie machte er auch nur ein Zeichen, daß er das Geld in der Hand gespürt hatte, ohne Unterbrechung sprach er weiter: »Blind. – Blind. – Blind …«
    Und auch jetzt, als der Botenjunge neben ihm stand, zu ihm flüsterte, sprach er weiter, als laufe dieses »Blind« in ihm fort, ohne daß er noch wußte, wie man atmet, wie ein Herz schlägt, ohne daß etwas dazu getan wird, immer weiter: »Blind …«
    Heinz ging quer über die Straße, er stellte sich an die Hauswand neben dies schreckliche Gesicht. Er kümmerte sich nicht um den Jungen, der ihn erschrocken ansah, er sagte halblaut: »Hackendahl …«
    Das vernarbte Gesicht, so aus der Nähe noch grausiger anzusehen, verzog sich nicht, der Mund, dessen Lippen weggebrannt schienen, sprach weiter: »Blind. – Blind …«
    Aber das Gesicht des Jungen hatte sich verzerrt, er wollte fortlaufen und konnte doch nicht: Der Fuß des Blinden hatte sich auf den Fuß des Jungen gestellt, schmerzhaft, unentrinnbar …
    An dieser Art zu reagieren erkannte Heinz Hackendahl, dies war Eugen Bast. Eugen Bast, wie ihn die Schwester geschildert hatte, der Quäler, der als einzige Antwort erst einmal den Jungen abstrafte, ganz gleich, ob der ihn mit oder ohne Willen verraten hatte. Eugen Bast, der Zerstörer Evas, das Opfer Evas – Heinz hatte sie nun vor Augen, die Folgen dieses Schusses.
    Etwas wie ein tiefer, urgründiger Haß stieg in ihm auf. Sohaßt das Leben den Tod, so wehrt sich der Lebende gegen das Sterben …
    »Nehmen Sie den Fuß da weg!« befahl Heinz, zitternd vor Zorn.
    »Blind! – Blind! – Blind!« sagte der Mann, und der Fuß blieb, wo er war.
    »Den Fuß weg!« sagte Heinz noch einmal und setzte, als wieder nichts geschah, seinen Fuß auf den Fuß des Bettlers.
    »Blind!« sagte der. »Blind! – Blind!«
    Geld klapperte in seiner Hand, die Leute sahen nicht auf die Füße, sie sahen nur in dieses schreckliche Gesicht. Schnell fuhr die Hand zum Leeren in die Hosentasche, kehrte vor die Brust zurück, »Blind! Blind!«, und der Fuß blieb …
    Heinz begriff, dieser Mann würde nie nachgeben, lieber würde er sich den Fuß zerquetschen lassen, als ihn von dem des Jungen zu nehmen. Heinz zog seinen Fuß zurück. Der Mann sagte weiter: »Blind!« mit unbewegtem Gesicht, aber ein oder zwei Minuten später gab sein Fuß den des Jungen frei.
    Der Junge sah gelb aus, ihm schien vor Schmerz übel geworden zu sein. Aber er gab keinen Laut von sich, er floh auch nicht von der Seite des Mannes – und es schien doch so leicht, einem Blinden zu entfliehen! Was diesen Jungen an der Seite seines Quälers hielt, das mußte Angst sein, eine namenlose, ungestalte Angst, mit Lust gemischt, die gleiche Angst, der Eva unterlegen war …
    Heinz war jung, unerfahren, er ahnte nicht: Wie kam man an ein solches Tier heran? Er hatte sich diese Verhandlung so einfach gedacht; wenn er nur erst Eugen Bast gefunden hätte, würde er ihm mit Polizei, Gericht, Zuchthaus drohen. Der Mann würde schon einsehen, daß es vorteilhafter für ihn war, Eva in Frieden zu lassen.
    Nun war Eugen Bast gefunden, und sofort hatte er Heinz die Lehre gegeben, daß er sich nicht drohen ließ. Er würde immer nur so handeln, wie das Böse in ihm befahl … Sogar wenn er sich selbst schadete …
    »Blind! –

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