Der Fluch des Nebelgeistes 04 - Die Saat der Zwietracht
die Ehre erwiesen, ihre traditionelle schwarze Kleidung anzulegen, die der Caithdein stets in Anwesenheit hochherrschaftlicher Erben zu tragen hatte.
Das Wappen der Regentschaft über Tysan zierte ihre Brust in Indigo und Gold; das Licht des frühen Morgens umrahmte ihren Leib zwischen Abgrund und vertikal aufragenden Felsen.
Aufrecht wie ein Schwert, doch selbst unbewaffnet, stand der Caithdein von Tysan den vorpreschenden Reitern im Weg, den Standartenträgern, drei großgewachsenen Lanzenreitern, die des Prinzen königliche Leibgarde bildeten. Der Offizier an der Spitze zügelte sein Roß vor Maenalle und bedeutete seiner Kolonne, anzuhalten.
Das Donnern der Hufe verhallte. Ein Pferd schnaubte. Zaumzeug klirrte. Dann Stille, nur durchdrungen von den schrillen Schreien der Falken. Die Gebirgswinde heulten über das Gestein, während die dichten Reihen hinter der Vorhut den Weg für ihren Prinzen freimachten.
Der Caithdein, die gnädige Frau Maenalle, verweigerte dem Prinzen jegliche Ehrerbietung. Sie trat vor, das kurze Haar windzerzaust und offen, nicht einmal einen Reif hatte sie angelegt. Sie würdigte den Prinzen keines Blickes, sondern starrte verächtlich in das goldene Licht, das durch die aufreißende Wolkendecke herniederfiel. »Sollten Euer Hoheit einen Hinterhalt fürchten? Schickt nur Eure Kundschafter und durchsucht die Berge. Ihr werdet nichts finden.«
»Bei unserer letzten Begegnung hätten sie etwas gefunden.« Lysaer zügelte sein Pferd, das, gegen diese Beschränkung protestierend, nervös zur Seite tänzelte. »Eure Clans haben mein Vertrauen kaum verdient. Solltet Ihr Euch erdreistet haben, herzukommen, mich um Gnade zu bitten?«
»Ich gebe Euch mein Wort, es gibt keine Bogenschützen auf diesem Paß«, sagte Maenalle nur.
»Gäbe es sie, so wären sie jetzt schon tot.« Lysaer hob die zur Faust geballte Hand in dem Panzerhandschuh. Der Lichtschein, den er als Schutzschild gegen Pfeile errichtet hatte, flammte heiß glühend auf, ehe er in einem blendenden Funkenflug verlöschte. Während die Pferde seiner Reiterschaft scheuten und seine Offiziere sie fluchend zu beruhigen suchten, sagte er: »Sprecht geschwind. Ich bin nicht in Stimmung für Höflichkeiten oder Nachsicht.«
Maenalle begegnete seiner Arroganz, als hätte sie es mit einem unverschämten Kleinkind zu tun. »Ihr habt es gewagt, Avenor zu besetzen und mit dem Recht Eures Blutes zu bewaffnen, obgleich Ihr als Thronerbe nicht bestätigt worden seid. Vor einem Mann, der sein Reich mißbraucht, einen Vorteil in einer persönlichen Fehde zu erringen, lege ich formell Protest ein. Um dieses Königreiches willen fordere ich Euch auf, von Eurem Feldzug gegen den letzten Prinzen von Rathain abzulassen. Arithon s’Ffalenn ist keine Bedrohung für Tysan. Die Bruderschaft der Sieben hat Eure Gründe verworfen, und meine Pflicht bindet mich zuerst an das Land.«
Lysaer antwortete ihr mit eisigem Widerspruch. »Dieser Treue habt Ihr bereits abgeschworen.« Eine Brise fegte durch sein güldenes Haar und den Schmuck am Zaumzeug seines Pferdes. »Ist die Bruderschaft nicht mit dem Herrn der Schatten verbündet? Auch Ihr habt ihn unterstützt, und davor habe ich Euch eindringlich gewarnt.«
Maenalle zuckte mit keiner Wimper, und ihre Augen blickten so ruhig wie die eines Falken. »Münzen und Güter, die Ihr in Rathain beschlagnahmt habt, wurden ihrem rechtmäßigen Prinzen und von der Bruderschaft anerkannten Thronerben zurückgegeben. Was er am Ende mit dem tun wird, das ihm gehört, geht weder mich noch Euch etwas an. Hört, was ich Euch vor Zeugen zu sagen habe: Wenn Ihr noch immer der Mann seid, als der Ihr geboren wurdet und dem es bestimmt war, ein Prinz dieses Reiches zu sein, ein Ehrenmann, der die Gesetze anerkennt, wie sie in der Charta von Tysan niedergelegt sind, so werdet Ihr umkehren. Befehlt Euren Offizieren, sich zurückzuziehen, und laßt Rathain seinen Frieden.«
Mit einem Ausdruck tiefer Besorgnis legte Lysaer den Kopf auf die Seite. »Ihr verlangt zuviel. Arithon s’Ffalenn ist für uns alle eine Bedrohung. Im Namen all der Unschuldigen kann kein Sproß meines Geschlechts, der seinen Namen wert ist, eine solche Gefahr einfach hinnehmen.«
»So wagt Ihr es also, der erste Mensch zu sein, der das Blut eines Caithdeins dieses Reiches vergießt?« fragte Maenalle.
Lysaer fällte sein Urteil: »Das werde ich nicht. Aber ich werde die Gerichtsbarkeit der Städte anrufen und den Scharfrichter von Isaer bitten, das Leben
Weitere Kostenlose Bücher