Der fremde Gast - Link, C: Der fremde Gast
Frau sein? Wenn du mir immer nur deine Verachtung zeigst?«
»Umgekehrt«, sagte Wolf, »du musst es umgekehrt sehen. Wärst du eine solche Frau – hätte ich dann noch einen Grund, dir meine Verachtung zu zeigen?«
Er ging zur Tür. Er würde jetzt das Haus verlassen. Das Gespräch war beendet. Er hatte gesiegt.
Sie wollte ihn nur noch erschüttern. Diese glatte, gelassene Überlegenheit mit irgendetwas ins Wanken bringen.
»Ich fahre übrigens nicht mit in die Türkei!«, schleuderte sie ihm nach. »Und an diesem Plan ändert sich unter Garantie nichts!«
»In Ordnung«, sagte er gleichmütig, »dann lässt du es eben.«
Die Tür fiel hinter ihm zu. Es hatte nicht den Anschein, als habe Karen ihn mit ihrer Ankündigung treffen können.
Sie blieb allein in der stillen Küche zurück.
3
Es hatte sie fassungslos gemacht, von Marius gefesselt zu werden. So fassungslos, dass sie sich nicht einmal dagegen gewehrt hatte. Obwohl ihr das, wie sie dachte, wahrscheinlich kaum etwas genützt hätte. Er war stark, und seine unverkennbare Entschlossenheit machte ihn noch stärker. Inga hätte nicht zu sagen gewusst, auf welches Ziel sich seine Entschlossenheit richtete, aber es war, als werde er von irgendetwas angetrieben, die Schritte zu gehen, die er ging. Nichts und niemand würde ihn aufhalten können.
Irgendwoher hatte er eine Wäscheleine aufgetrieben, vermutlich aus dem kleinen Raum, der sich gleich neben der Küche befand und in dem Waschmaschine und Trockner standen. Er hatte die Leine in der Hand, als er Inga im Wohnzimmer überraschte, sie hatte das nur nicht gleich gesehen.
»Du bist nicht ertrunken«, hatte sie nach den ersten Schrecksekunden und ihrem gestammelten »Hallo, Marius« festgestellt.
»Nein«, sagte er, »ich bin nicht ertrunken.«
Ihr Zusammentreffen unter diesen Umständen – mitten in der Nacht in Rebeccas Haus, in das er offenbar gewaltsam eingedrungen war – war alles andere als normal, aber ein Instinkt hatte Inga das Gefühl gegeben, es könne lebensrettend für sie sein, wenn sie sich dennoch so verhielt, als finde sie seinen Auftritt nicht allzu befremdlich. Das würde ihr auch helfen, ihre eigene Angst im Zaum zu halten.
»Warum hast du dich nicht schon eher gemeldet? Ich war verrückt vor Sorge!« Übertreibe nicht, warnte die innere Stimme, er ist vielleicht irre, aber nicht dumm. Er weiß, dass du nach der Szene auf dem Schiff nicht mehr in Angst und Sorge um ihn vergangen bist.
»Ich meine«, setzte sie hinzu, »da bleibt ja auch noch viel zwischen uns zu klären.«
Er hatte sie mit einem hintergründigen Lächeln angesehen. »Bleibt es das?«
»Siehst du das anders?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Es spielt vielleicht alles keine Rolle mehr.«
»Die Küstenwache hat nach dir gesucht. Wie bist du über Bord gegangen? Ich habe ja überhaupt nichts mehr mitbekommen. «
»Der Baum mit dem Großsegel«, sagte er, »hat mich voll erwischt. Ich bin über Bord gefegt worden wie ein Stück Zeitungspapier.«
»Warst du bewusstlos?«
»Ich glaube nicht. Höchstens einen kurzen Moment. Aber ich konnte mich vor Schmerz nicht bewegen. Ich dachte, dass mindestens eine, wenn nicht mehrere Rippen gebrochen sind. Ich hing in meiner Schwimmweste, und das Schiff trieb ab, und ich konnte nichts tun …« Wieder zuckte er mit den Schultern.
»Und dann?«, fragte Inga, während gleichzeitig die verschiedensten Gedanken durch ihren Kopf jagten. Wo ist Rebecca? Warum ist er nicht einfach direkt zu mir gekommen? Warum nachts durchs Fenster? Was hat er vor?
»Irgendwann fing ich mich«, sagte er. »Es gelang mir, mich wieder zu bewegen. Zu schwimmen. Ich ging in einer winzigen, einsamen Bucht an Land und schlug mich zu Fuß hierher durch.«
»Warst du bei … warst du bei Rebecca?«, fragte Inga. Sie versuchte, gleichmütig zu klingen. Sie hatte Angst, obwohl sie sich einzureden versuchte, dass es nur ihre übertriebene Fantasie war, die ihr schreckliche Bilder vorgaukelte. Es musste nichts passiert sein. Es musste auch weiterhin nichts passieren.
Aber er ist krank!
In seine Augen trat ein angestrengter Ausdruck. »Hör zu, Inga«, sagte er, »wir haben ein Problem.«
»Wegen Rebecca?«
Er nickte. »Ich kann nicht von hier abreisen, ohne sie zur Rechenschaft zu ziehen, das wirst du verstehen. Ich hatte nur gehofft … nun, ich wollte mich mit Rebecca erst befassen, wenn du abgereist bist. Seit zwei oder drei Tagen beobachte ich das Haus und warte … warte …,
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