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Der Gitano. Abenteuererzählungen

Der Gitano. Abenteuererzählungen

Titel: Der Gitano. Abenteuererzählungen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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indem er seinen fabelhaften Riecher mit beiden Händen erfaßte und zärtlich liebkos’te. »Die Nase, welche dem Sohne meiner Mutter in das Gesicht gewachsen ist, hat wirklich etwas Imponirendes. Aber ich muß Euch offen gestehen, daß ich mich hier in dieser Himmelsgegend noch gar nicht recht auskenne. Der Oelgeruch ist da, aber ich sehe Prairie, nichts als Prairie, und diese muß doch ein Ende haben, wenn das Petroleum zu seinem Rechte kommen soll!«
    Er richtete seine Gestalt auf dem Rücken der kameelbeinigen Stute, welche er ritt, so hoch wie möglich empor und suchte mit den kleinen klug blickenden Aeuglein die vor uns liegende Gegend sorgfältig ab.
    »Der Teufel hole Euren Young-Kanawha, oder wie Ihr das Wasser nennt, zu dem Ihr wollt; ich sehe keine Spur davon!«
    »Ist von hier aus auch nicht gut möglich, Sam Hawkens! Der Fluß wird wohl einen ›Bluff‹ durchlaufen und ich wette meinen Arrow gegen Deine Mary, wir halten vor dem Thale, ehe wir es uns verseh’n.«
    »Das wäre sehr zu wünschen, denn ein wenig Wasser würde uns und auch den Pferden wohlthun; aber geht mir mit Eurer Wette! Euer Arrow ist das beste Pferd, welches jemals einen echten und rechten Westmann getragen hat, das muß man sagen, doch meine Mary hat auch ihre fünfundzwanzig Eigenschaften. Die Haare sind ihr zwar abhanden gekommen und an der Gestalt des braven Thieres wäre vielleicht auch noch Dieses oder Jenes auszusetzen, aber sie hat mich nun fast an die zwanzig Winter ehrlich getragen und es ist außer Eurem Mustang wohl kaum ein Thier zu finden, welches trotz dieses Alters die Beine so zu werfen versteht, wie sie. Ich gäbe sie nicht hin für alle Biberfelle und Indianerhäute, die ich von den Bälgen gezogen habe!«
    Er klopfte zärtlich den langen, dürren Hals seiner Rosinante und sank dann in jene unbeschreibliche Haltung zurück, welche er auf ihrem scharfen Rücken einzunehmen pflegte. Ich kannte das alte, zuweilen recht obstinate, sonst aber wirklich ausgezeichnete Thier und mußte darum seine Anhänglichkeit für dasselbe billigen. Wer da weiß, welchen Werth ein gutes Pferd für einen Prairiejäger hat, der wundert sich nicht über die ungewöhnliche Zuneigung, welche Beide für einander zu besitzen pflegen.
    In kurzem Trabe ging es weiter und bald zeigte es sich, daß meine Vermuthung die richtige gewesen war. Wir hielten vor einer jener Schluchten, welche das sonst vollständig ebene Terrain rinnenförmig durchschneiden, meist irgend einem Flüßchen als Bett dienen und »Bluffs« genannt werden. Das vor uns liegende, scharf und steil in die Tiefe fallende Thal bildete eine schmale Pfanne, welche der tiefe, schwarzwellige Young-Kanawha durchströmte, um sich unten zwischen nahe zusammentretenden Felsenmassen rauschend und schäumend einen gefährlichen Ausweg zu suchen. Die ganze Sohle der Senkung war mit Anlagen, wie sie die Petroleumerzeugung erfordert, bedeckt; oben, ganz nahe am Wasser, sah ich einen Erdbohrer in voller Thätigkeit; am mittleren Laufe stand etwas vor den eigentlichen Fabrikräumlichkeiten ein trotz des Interims ganz stattliches Wohngebäude und wo das Auge nur hinblickte, waren Dauben, Böden, Reifen und fertige Fässer, theils leer, meist aber mit dem vielbegehrten Brennstoffe gefüllt, zu sehen.
    »
Heigh-day,
Sir,« meinte Sam, »da ist ja Alles, was wir uns nur wünschen können! Ist das nicht ein Store, das dort am Flusse steht?«
    »Jedenfalls ist es so ein Ding: Laden, Restauration, Destillation, Herberge und alles sonst noch Mögliche gleich beisammen. Steig’ ab, Sam; wollen wir nicht den Hals riskiren, so müssen wir diesen steilen Weg zu Fuß zurücklegen!«
    »Meine es auch, Sir! Der Hals ist zuweilen das Beste, wofür der Sohn meiner Mutter zu sorgen hat.«
    Er folgte meinem Beispiele und stieg vom Pferde. Erst jetzt war die Gestalt des Mannes, dem ein Unbekannter wohl kaum den kühnen Riflemen angesehen hätte, in der rechten Weise zu erkennen. Unter der wehmüthig herabhängenden Krempe eines Filzhutes, dessen Alter, Farbe und Façon selbst dem schärfsten Denker einiges Kopfzerbrechen verursacht hätte, blickte zwischen einem dichten Walde von verworrenen schwarzgrauen Barthaaren die riesige Nase hervor, welche jeder beliebigen Sonnenuhr als Schattenwerfer hätte dienen können. In Folge des gewaltigen Bartwuchses waren außer diesem so verschwenderisch ausgestatteten Riechorgane von den übrigen Gesichtstheilen nur die zwei Aeuglein zu bemerken, welche eine außerordentliche

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