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Der Gitano. Abenteuererzählungen

Der Gitano. Abenteuererzählungen

Titel: Der Gitano. Abenteuererzählungen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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versunken im Genusse des herrlichen Panorama’s, welches sich unten zu meinen Füßen ausbreitete. Im Hafen lagen eine Menge Fahrzeuge vor Anker; ein-und auslaufende Schiffe belebten die Scene; es waren unter ihnen alle Größen und Gattungen vom größten und prachtvollsten europäischen Dampfer bis herunter zur erbärmlichen chinesischen Dschonke vertreten. Kleine Felseninseln, von Kokospalmen und Pandanen bestanden, ragten aus den schimmernden Fluthen empor. Zwischen ihnen zogen sich Korallengärten hin, zwischen denen wundervolle rothe und blaue Fische schwammen; Haifische zerrten an dem Kadaver eines todten Hundes; vielgliedrige Krabben krochen die Steilung der Felsen hinan. Die Häuser und Hütten der Stadt lagen schalkhaft unter dem Kronen der Palmen versteckt, und wo die reinlichen Straßen sich dem Blicke offen zeigten, da war eine Menge von Lebenserscheinungen, weidende Zebuochsen, schwarze Schildwachen, lustwandelnde Ladys, durchsichtig weiße englische Kinder mit braunen singhalesischen Ammen, tabakrauchende eingeborene Kinder, behäbig und stolz einherschreitende Muselmänner, schachernde Juden, bezopfte Malaylas, Betel kauende Ratschputen, Buddhapriester im langen, schwefelgelben Gewande, Kopf und Bart nackt abgeschoren, englische Midschipmen in rother Jacke und mit schwerem Säbel, malerisch schöne Hindumädchen, Nase, Ohren, Stirn, Arme und Beine mit Gold und Edelsteinen behangen, zu erkennen. Ueber dem Allen lag der bezaubernde Duft des Südens ausgegossen. Die Sonne schickte sich an, in die Wogen des Meeres zu steigen, und warf ihre Reflexe vom tiefsten Purpur bis zum leuchtendsten Flammengold über die ruhelos bewegte Meeresfläche hin. Es war ein Anblick, in den man sich stundenlang versenken konnte, ohne seiner müde zu werden.
    Neben mir lehnte Sir John Emery Walpole. Er bemerkte von Alledem, was ich sah, nicht das Geringste. Die herrlichen Tinten, in denen der Himmel glühte, das strahlendurchblitzte Krystall der See, das erquickende Balsam der sich abkühlenden Lüfte, die bunte, interessante Bewegung auf dem vor uns ausgebreiteten kostbaren Fleckchen Erde, sie gingen ihm verloren, sie waren ihm gleichgültig, sie durften es nicht wagen, seine Sinne auch nur einen Augenblick lang in Anspruch zu nehmen.
    Und warum? Wunderbare Frage! Was war denn eigentlich dieses Ceylon? Ein Eiland mit einigen Menschen, einigen Thieren und einigen Pflanzen darauf und rund herum von Wasser umgeben. Was ist das weiter? Etwas Wunderbares oder gar Sehenswerthes gewiß nicht! Was ist Point de Galle gegen London, was ist der Gouverneur zu Colombo gegen die Königin Victoria, was ist Ceylon gegen Altengland, was ist die ganze Welt gegen Wolpole-Castle, wo Sir John Emery geboren worden ist?!
    Der gute, ehrenwerthe Sir John war ein Engländer im Superlativ. Besitzer eines unermeßlichen Vermögens, hatte er noch nie daran gedacht, sich zu verehelichen, sondern war einer jener schweigsamen, zugeknöpften Englischmens, welche alle Winkel der Erde durchstöbern, selbst die entferntesten Länder unsicher machen, die größten Gefahren und Abenteuer mit unendlichem Gleichmuthe bestehen und müde und übersättigt endlich die Heimath wieder aufsuchen, um als Mitglied irgend eines berühmten Reiseclubbs einsilbige Bemerkungen über die gehabten Erlebnisse machen zu dürfen. Er hatte den Spleen in einem solchen Grade, daß seine lange, schmächtige, dabei aber außerordentlich kraftvolle Persönlichkeit nur in höchst seltenen Augenblicken einen kleinen Anflug von Genießbarkeit zeigte, besaß dabei aber ein sehr gutes Herz, welches stets gern bereit war, die kleinen und großen Seltsamkeiten, in denen er sich zu gefallen pflegte, wieder auszugleichen.
    Nachdem er aller Herren Länder bereist hatte, war er zuletzt nach Indien gekommen, dessen General-ein naher Verwandter von ihm war, hatte es in den verschiedensten Richtungen durchstreift, war auch schon einige Male auf Ceylon gewesen und im Auftrage des Gouverneurs jetzt wieder hergekommen, um sich wichtiger Botschaften an den Statthalter zu entledigen. Ich hatte mich ihm angeschlossen, weil seine Erfahrungen und Connexionen mir von großem Nutzen sein konnten und war ihm so lieb und befreundet geworden, daß er trotz seiner scheinbaren Unnahbarkeit eine wahrhaft brüderliche Zuneigung für mich an den Tag legte.
    Jetzt also lehnte er, völlig unberührt von den uns umgebenden Naturreizen, neben mir und beschielte den goldenen Klemmer, welcher ihm vorn auf der äußersten

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