Der Gitano. Abenteuererzählungen
Flaçon, welches der Beamte Gromann entgegenreichte.
»Da, seht Euch einmal das Ding an, ob es den Trank enthält, von dem Ihr sprecht!«
»Es ist Strychnin, Sir; die Sache stimmt!«
»Schön! Das Zeug muß für solche Zwecke ganz gut sein, Master Haffley oder Walker, aber Ihr habt es vielleicht nicht in der gehörigen Weise in Anwendung gebracht, wie ich Euch gleich einmal zeigen werde.«
Er schritt wieder zur Thür.
»Master Horn, tretet herein; der Doctor sehnt sich nach Eurer Umarmung!«
Der Gerufene erschien, noch immer bleich und matt, unter dem Eingange. Die Wirkung war eine doppelte. Der Arzt stieß einen Schrei aus und sank wie leblos in den Sessel zurück; Anitta aber fuhr mit einem hellen Freudenrufe aus ihrer Ecke hervor, auf ihn zu und schlug ihm unter lautem Schluchzen die Arme um den Nacken.
»Eduard – Eduard – da bist Du – endlich!«
»Ja, da ist er,« lächelte der Polizist, »und wir wollen Euch jetzt vor der Hand nicht stören, ihm zu erzählen, was er wissen muß. Den Master Walker aber nehmt einmal mit hinauf in seine Wohnung. Ich muß mich dort ein Wenig umsehen!«
Der Doctor wurde mehr hinaufgetragen als geführt. Er hatte keinerlei Vorsichtsmaßregeln getroffen und wußte, daß er nun verloren sei. Man fand außer den unzweideutigen Beweisen, daß er der entflohene Gehülfe sei, noch die Zeugen von einer Menge anderer Verbrechen, besonders einen bedeutenden Vorrath von Goldstaub, den er jedenfalls den Fieberkranken abgenommen hatte, welche aus den Minen zu ihm kamen, um sich heilen zu lassen, in Folge des bei sich geführten Goldes aber den Tod gefunden hatten.
Bei diesen Vorräthen lag auch der Beutel und die Brieftasche, welche er gestern Abend Eduard abgenommen hatte. Dieser war in den Minen über alle Erwartung glücklich gewesen und hatte mehr als die ausbedungene Summe mitgebracht.
Er erholte sich bald von der Wirkung des Schlages und Giftes und wurde der glückliche Bräutigam seiner Anitta. Einige Wochen nach der Hochzeit ging er mit den Schwiegereltern um Cap Horn herum nach Rio und von da in die Heimath. Gromann, dem er sein Leben zu verdanken hatte, mußte mit und folgte ihm gern.
Der ehrenwerthe Doctor Haffley aber hing schon wenige Tage nach seiner Arretur an einem guten californischen Stricke. In jenen Landen ist das Verfahren ein sehr praktisches und kurzes.
Die Mission »Santa Barbara« steht noch heut, und wer nach Sakramento kommt und hinaufsteigt, um in der Restauration des Amerikaners ein Glas Gerstenspüligt zu trinken, welches der elsasser Franzose unter dem stolzen Namen Bier zusammenkocht, der kann sich gar viel erzählen lassen von dem eingegangenen Lazareth des aufgeknüpften Apothekergehülfen aus Norfolk, Staat Nordkarolina.
Die Rose von Sokna von Karl May
Ein Abenteuer aus der Sahara
I.
Ich kehrte von einem Ausfluge in die Berge des Soudah nach Murzuk zurück. Die Palmen-, Granaten-, Oliven-, Feigen-, Pfirsich-und Aprikosengärten der Stadt lagen schon vor uns, und mein Diener Ali hielt seinen wackern Braunen an, um die Löwenhaut, welche er hinter sich aufgeschnallt hatte, aufzurollen, damit die Bewohner des Ortes sehen sollten, daß wir es gewagt hatten, den »Herrn mit dem dicken Kopfe«, wie der Araber den Löwen zu nennen pflegt, zum Kampfe aufzufordern.
Ich ließ es lächelnd geschehen, denn der wackere, wenn auch ein wenig eitle Ali war ein Diener, zu dem ich mir wirklich Glück wünschen konnte: ausdauernd und kräftig, listig wie ein Fuchs, dabei seinem Herrn aber treu ergeben, und in allen Mundarten und Gebräuchen der Wüstenländer zu Hause, so daß ich mich in jeder Beziehung auf ihn verlassen konnte. Er war mir von dem Wirthe des rühmlichst bekannten Hotels d’Orient in Algier empfohlen worden, hatte mich von dort aus über Tunis, Tripoli und Sokna nach Fezzan begleitet und war fest entschlossen, mit mir auch weiter über Augilah und Siwah nach Cahiva zu gehen. Er hing mit wirklicher Liebe an mir und wäre wohl bis nach Sibirien an meiner Seite geblieben, wenn eine solche Tour in meinem Sinne gelegen hätte.
Er blähte sich nicht wenig auf, als er die halb scheuen, halb bewundernden Blicke bemerkte, welche die uns nun Begegnenden auf unsere Jagdtrophäe warfen.
»Siehst Du den Kahschef (Bezirksvorsteher,) der dort kommt, Sihdi«, frug er mich, »wie ihm vor Erstannen die Augen aus dem Kopfe fallen. Ja, ich habe einen Sihdi, einen Herrn, der ein großer Taleb (Gelehrter) und Effendi ist und sich selbst vor Assad, dem
Weitere Kostenlose Bücher