Der Gitano. Abenteuererzählungen
erfahren mußte. Ich hatte dessen ungeachtet dem alten, treuen Schech el Djemahli (Aeltesten der Kameeltreiber) erklärt, mitzugehen, da ich es trotz des besten Willens zu keiner Bangigkeit vor dem arabischen Hiesel bringen konnte und zudem der Wunsch in mir entstanden war, meinem Gastfreunde nützlich sein zu können.
Ich hatte Rahel öfters gesehen. Sie war eine jener Schönheiten, wie sie nur der Orient reift, und wurde aus diesem Grunde, und weil sie aus Sokna stammte, mit vollem Rechte in der Hauptstadt von Fezzan »die Rose von Sokna« genannt. Wie oft hatte ich, in ihren Anblick vertieft, lautlos vor ihr gesessen, wie oft die kleine Kaffeetasse aus ihrer Hand empfangen, wie oft ihren Liedern gelauscht, von denen sie mir den arabischen Pilgergesang »Lubecka Allah hämeeh (Hier bin ich, o mein Gott)« am häufigsten wiederholen mußte!
Jetzt befanden wir uns, wie gesagt, seit drei Tagen unterwegs und hatten nichts Verdächtiges bemerkt. Es war zur Zeit des Assr, des Reiseaufbruches für alle ächten Araber, zwei Stunden vor Untergang der Sonne. Ich ritt an der Spitze der Karawane neben dem Schech el Djemahli (Djemmel-Kameel), welcher mir von den Gefahren der Wüstenreise erzählte, weil er mich, allerdings mit einigem Rechte, für einen Rhassihm, für einen Neuling hielt.
Ich hörte seine nach morgenländischer Manier im Superlativ gehaltenen Schilderungen an, obgleich ich wußte, daß die Sahara ihre größten Schrecken nicht hier in der libyschen Wüste sondern erst in der eigentlichen »Sahel« entwickelt.
»Seht diese Steine, Sihdi, welche herumliegen, als hätten die bösen Djinns (Geister) sie gesäet? Sie fielen vom Himmel herab, als der Erzengel mit dem Teufel kämpfte, der sich an den Mauern des Himmels fest hielt und ein Stück davon mit herunterriß.«
»Ama di Bacht, das ist ein Glück, daß Du nicht grade darunter standest, sonst hätte Deinem Schädel kein Balsam helfen können!«
»Du willst nicht glauben, was ich Dir sage? Ja Du bist ein Nemsi (Deutscher), dem kein Mollah und kein Derwisch helfen kann! Einst kamen die tapfern Uëlad Arfa und unterjochten sich das weite Land. Zwei Sonnenaufgänge von hier« – er zeigte dabei nach Süden – »waren einige Mauerbrocken auf den Rras (einzelner Berg) gefallen; sie bauten davon el Kasr (Bergfestung); aber der Scheidan (Böse) trieb sie von dannen, und nun wohnen die bösen Djinns im Schlosse, und wer ihnen mehr als zwei Tagereisen zu nahe kommt, ist der Tschehenna, der Hölle verfallen. Im Namen des Allbarmherzigen, glaub, was ich Dir sage; ich habe es von einem frommen Marabut, der war fünftausend Jahre alt und ist mit dabei gewesen!«
Ich machte keinen Versuch, ihn eines Anderen zu belehren, und hielt mein Hedjihn (Reitkameel) an, um den Zug, dessen Arrièregarde mein wackerer Ali bildete, an mir vorüber zu lassen. Die Lastkameele kamen nur sehr langsam vorwärts; das ermüdete mich mehr als der schnelle Ritt auf einem schlanken Reitthiere, welches, wenn es zu der vorzüglichen Rasse der Bischahrihnhedjihn gehört, zehn bis zwanzig deutsche Meilen ohne Unterbrechung im Trab zurücklegt. Das meinige war ein solches; ich beschloß daher, mit Ali zu lagern, um den Eindruck der überwältigenden Wüstenöde einmal vollständig zu empfinden und dann auf unsern behenden Thieren den Zug bald wieder einzuholen.
»Hast Du einmal etwas von el Kasr gehört?« frug ich den Diener, als wir uns gelagert hatten. Es war bei der Erwähnung des Geisterschlosses ein Gedanke in mir aufgestiegen, der vielleicht eine Berechtigung haben konnte.
»El Kasr, Effendi?« Er streckte alle zehn Finger abwehrend von sich. »Hilf uns, o Herr, begnadige uns mit Deinem Segen, denn das ist ja das verfluchte Gebäude, über welches nicht einmal die Vögel des Paradieses (Schwalben) wegkommen, ohne herabzustürzen! Ich hab in Murzuk davon gehört. Nur el Büdj, der gewaltige Bartgeier, darf darüber schweben, weil er die Unglücklichen verzehren muß, die sich zu den bösen Djinns verirren.«
»So fürchtest Du Dich vor diesen Geistern?«
»Allah icharkilik, Gott verbrenne Dich, Sihdi, wenn Du glaubst, daß ich, der unüberwindliche Ali el Hakemi Ebn Abbas Ebn er-Rumi Ben Hafs Omar en Nasafi vor einem Menschen oder vor einem Thiere davonlaufe! Du bist ein großer Taleb und Effendi, aber Allah hu akbar, Gott ist noch größer, und wenn Du mich mit Feigheit schändest, so laß ich Dich hier liegen und gehe dahin, wo ich hergekommen bin! Doch sag, wer kann mit Geistern
Weitere Kostenlose Bücher