Der Glanz des Südsterns: Roman (German Edition)
bleiben. Nur um ihn ging es jetzt.
Lyle konnte es kaum glauben. Elena, seine Elena war hier in dem kleinen Krankenhaus in Australien. Er war so bestürzt, dass er sich eine Weile nicht bewegen und auch nicht reagieren konnte. Nahezu vierzehn Jahre waren vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten, aber ein paar Sekunden lang kam es ihm so vor, als sei es erst gestern gewesen. An den Tag erinnerte er sich nur allzu gut. Elena hatte im Krankenhaus in Blackpool gelegen und sich gerade von der Grippe erholt. Sie war blass und schmal gewesen und wunderschön. Sie hatte so zerbrechlich gewirkt. Und dann war sie am Boden zerstört gewesen, weil er ihr hatte erzählen müssen, er werde Millie heiraten, die von ihm schwanger war. Die Elena, der er jetzt wiederbegegnet war, wirkte kühl und schien ihre Gefühle unter Kontrolle zu haben. Bei ihm war das ganz anders. Er hatte jeden Tag, seit sie sich getrennt hatten, an sie gedacht, ohne Ausnahme. Er hatte sich nach ihr gesehnt.
Lyle nickte Marcus kurz zu, dann verließ auch er das Krankenzimmer und trat auf den Flur hinaus. Elena stand an die Wand gelehnt da und starrte ihn an. Er hätte sie am liebsten in die Arme genommen und hätte gejubelt über ihr Wiedersehen. Er konnte gar nicht den Blick von ihr wenden. Die Veränderungen an ihr waren kaum merklich. Sie war immer noch schlank, doch ihr Teint hatte eine gesunde goldbraune Farbe. Sie hatte immer noch langes Haar, trug es allerdings hochgesteckt. Er hatte es gemocht, wenn sie es offen trug, daran erinnerte er sich gleich. Was sich an ihr verändert hatte, war ihre Haltung. Sie schien stark zu sein, einen eisernen Willen zu haben, doch in ihren Augen lag kein Funken Glück. Elena wirkte besorgt und angespannt. Natürlich, ihr Sohn war krank, das konnte der Grund sein, aber das allein war es sicher nicht. War ihre kühle, distanzierte Art vielleicht darauf zurückzuführen, dass sie ihm nicht hatte verzeihen können, dass ihr Schicksal solch eine grausame Wendung genommen und sie beide getrennt hatte? Er jedenfalls hatte sich nicht verziehen, dass er ihr so sehr hatte wehtun müssen.
Und noch etwas wurde ihm jetzt klar. Er behandelte Kinder sehr gern, wenn es bei einigen seiner traurigsten Fälle auch um die ganz Kleinen ging, hielt jedoch immer professionelle Distanz. Aber aus irgendeinem Grund, für den er keine Erklärung gehabt hatte, war es bei Marcus anders gewesen. Seit ihrer ersten Begegnung hatte er eine ganz besondere Verbindung zu dem Jungen gespürt. Immer wieder hatte er an ihn denken müssen, und er hatte sich gefreut, als man ihn bat, noch einmal nach Marcus zu sehen. Jetzt begriff er.
Elena war erleichtert, als Deirdre die Station verließ. Sie musste schnell heraus mit dem, was sie Lyle zu sagen hatte, ehe sie noch der Mut verließ. »Mir wäre lieber, mein Sohn erfährt nicht, dass wir uns schon kannten, bevor ich die Ehe einging mit …« Sie hatte sagen wollen »mit seinem Vater«, aber das konnte sie nicht. Aldo war nicht sein Vater.
Lyle erschrak, als er hörte, wie entschlossen und emotionslos Elena mit ihrer beider Wiedersehen umging. »Wieso denn nicht, Elena?«, fragte er verblüfft. »Gott, ich fasse es nicht, dass du jetzt hier vor mir stehst.« Der erste Schreck legte sich ein wenig, aber er konnte einfach nicht glauben, dass das Schicksal sie wieder zusammengeführt hatte.
»Mein Mann hat recht altmodische Wertvorstellungen«, erklärte Elena. »Er ist Italiener!« Viele Male hatte sie Lyle erzählt, dass ihre Eltern strenge Italiener mit altmodischen Wertvorstellungen waren, sie hoffte also, er würde sie verstehen.
»Verstehe«, sagte Lyle, auch wenn er nichts verstand.
Einige Schwestern im Krankenhaus von Blackpool, so fiel ihm wieder ein, hatten darüber geredet, dass ihr Vater für sie eine Ehe arrangiere. Jetzt überlegte er, ob das inzwischen auch mit Elena passiert war. Er wollte fragen, aber sie schien eine unüberwindbare Mauer zwischen sich und ihm errichtet zu haben.
Elena wurde ganz unbehaglich zumute. Lyles Blick war so intensiv, so verstörend. »Dr. Thompson meinte, du könntest Marcus vielleicht helfen«, sagte sie so nüchtern sie konnte.
»Ja, möglicherweise. Mein eigener Sohn hatte dasselbe Problem. Wie alt ist Marcus jetzt genau? Sein Geburtsdatum stand nicht in seiner Krankenakte.«
Elena wurde schwindlig. Sie glaubte, in Ohnmacht zu fallen. Jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen. »Er ist zwölf. Er wird dreizehn im … November«, kam es ihr
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