Der Glanz des Südsterns: Roman (German Edition)
Auftrieb gegeben. Wenn sie sich darüber auch freute, musste sie doch daran denken, dass er in den Augen des Mannes, den er für seinen Vater hielt, ein Versager war. Was für eine Ironie des Schicksals.
Elena schaute nachdenklich aus dem Flugzeugfenster. Auf einmal geschah etwas Unerwartetes. Sie nahm ihr Leben mit einem völlig neuen Blick wahr. Auf Barkaroola hatte sie sich immer isoliert und gefangen gefühlt, aber als sie die Landschaft jetzt aus der Höhe betrachtete, verstand sie, dass diese Gefühle ihrer seelischen Verfassung entsprangen, aber nichts mit der Geografie des Landes zu tun hatten. Ursache ihrer Traurigkeit war die verheerende Einsamkeit in ihrer Ehe, nicht das weitläufige und wunderschöne Land, das jetzt ihr Zuhause war.
Auch Marcus hatte die Nase gegen die Scheibe gepresst. Er war völlig begeistert von der Aussicht. Die Welt öffnete sich für ihn, und mit dieser Öffnung entdeckte er so viele wunderbare Möglichkeiten für sich. Auf einmal sah er seine Anfälle nicht mehr nur als Unglück. Der Flug war für ihn ein Geschenk, das er niemals vergessen würde.
Über dem Brummen des Motors hörte Elena Lyle und Alison miteinander sprechen. Sie redeten über allerlei, das sie noch erledigen mussten, über Patienten, die sie am Vortag besucht hatten, und über das, was an diesem Tag anstand. Es war nichts Ungewöhnliches, dass zwei Kollegen so miteinander redeten, aber in ihrem Geplauder lag eine ganz besondere Leichtigkeit und Vertrautheit. Es war offensichtlich, dass die beiden eine sehr enge Arbeitsbeziehung zueinander unterhielten. Alison sprudelte über vor Fröhlichkeit, und Elena konnte sich gut vorstellen, dass sich die Leute von ihrem Wesen angezogen fühlten. Sie war groß und hatte eine gute Figur, und mit dem lockigen blonden Haar, den leuchtend grünen Augen und dem strahlenden Lächeln würden vor allem Männer sie attraktiv finden, sogar verheiratete Männer wie Lyle. Dass sie Pilotin war, machte sie vermutlich nur umso anziehender.
Elena verspürte einen schmerzhaften Stich. Lyle … Sie hatte ihn seit Kriegsende nicht mehr gesehen, und ihre letzte Begegnung war genauso heftig und intensiv gewesen wie ihre Affäre. Es fühlte sich an, als sei es erst gestern gewesen Und jetzt flirtete er mit seiner hübschen Pilotin. Obwohl es moralisch nicht richtig war, merkte Elena so etwas wie Eifersucht in sich aufsteigen. Sie sah Alison an. Lyle musste sie einfach aufregend finden. Plötzlich fiel Elena ein Ring am Finger der Pilotin auf.
»Das ist ein wunderschöner Ring, Miss Sweeney«, sagte sie. Ihre weibliche Neugier war geweckt. »Sind Sie verlobt?«
»Ja, das bin ich.« Alison hob die Hand, und das durchs Fenster hereinströmende Sonnenlicht brachte den kleinen Diamanten zum Funkeln. »Ich bin mit einem wunderbaren Mann verlobt. Er kann bisweilen ein wenig griesgrämig und steif sein, und er ist nicht so oft zu Abenteuern aufgelegt wie ich, aber wenn er sich entspannt, kann es herrlich komisch mit ihm sein«, sagte sie. Mit süffisantem Lächeln auf den Lippen schaute sie über die Schulter zurück. »Stimmen Sie mit der Beschreibung meines Verlobten überein, Dr. MacAllister?«
Reverend Flynn hatte Lyle und Alison gebeten, diskret zu bleiben und weder mit Patienten noch mit Verwandten über ihre Beziehung zu sprechen. Erst wenn sie verheiratet wären, dürften sie mit seinem Segen an die Öffentlichkeit gehen, hatte er gesagt.
»Ich stimme darin überein, dass man viel Spaß mit ihm haben kann und dass er ein wunderbarer, ein ganz wunderbarer Mann ist«, erklärte Lyle begeistert. »Aber steif und griesgrämig würde ich ihn ganz gewiss nicht nennen«, fügte er leicht empört hinzu.
»Ach, nicht? Nicht einmal bisweilen?«, erkundigte sich Alison mit hochgezogener Augenbraue.
»Nein. Ich sehe ihn als tiefschürfenden Denker, als Mann von großem Verständnis. Ich mag ihn sehr.«
»Tatsächlich?«, fragte Alison lachend.
»Ja, tatsächlich. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie mir doch erzählt, dass er ohne zu zögern auf einem einhöckrigen, ziemlich mürrischen Tier mehrere Meilen weit in die Wildnis geritten ist, und dabei hatte er doch nie zuvor auf einem Kamel gesessen, oder? Na, wenn das kein Abenteuer ist«, meinte Lyle.
Alison warf Elena einen schelmischen Blick zu. Offensichtlich fand diese ihr Gespräch reichlich seltsam. »Na ja, das mit dem Kamel stimmt schon irgendwie. Allerdings, wenn ich Sie da verbessern darf, ist es ein ganz und gar friedliches
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