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Der Graf von Sainte-Hermine - Dumas, A: Graf von Sainte-Hermine - Le Chevalier de Sainte-Hermine

Titel: Der Graf von Sainte-Hermine - Dumas, A: Graf von Sainte-Hermine - Le Chevalier de Sainte-Hermine Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Alexandre Dumas
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aufzusuchen, damit die Schlange sie beißen und das Gift seine Wirkung ungehindert entfalten konnte.
    Und statt sich zu beklagen, wie wenig Zeit Gott ihr ließ, um mit René zusammenzusein, frohlockte sie, dass sie vierundzwanzig Stunden lang die Größe ihrer Liebe zu ihm ausdrücken konnte; nach diesen vierundzwanzig Stunden würde der Tod die allzu feurigen Worte, die ihr entschlüpft sein mochten, läutern. Ihre Beichte dauerte nicht lange; indem sie sagte: »Ich liebe René«, hatte sie ihre einzige Sünde bekannt. Der Priester verließ ihr Zimmer, als der Tag zu dämmern begann; er hatte keine halbe Stunde an ihrem Sterbebett verbracht.
    Als der Priester aus Janes Zimmer kam, ging er zu René und sagte: »Gehen Sie zu dem heiligen Kind, das Sie liebt; es wird Ihnen nicht schwerfallen, es mit dem Tode auszusöhnen.«
    René ging in Janes Zimmer zurück und sah, dass sie ihn mit ausgestreckten Armen erwartete.
    »Setzen Sie sich zu mir, mein Geliebter«, sagte sie, »und lassen Sie sich zuerst sagen, dass Sie mich bis zum Augenblick meines Todes nicht mehr verlassen werden.«
    »Zeigen Sie mir zuerst Ihren Fuß«, sagte René, »damit ich weiß, wie es um Sie steht.«
    »Wozu? Ist mein Todesurteil etwa nicht gefällt? Ich habe nur noch dreiundzwanzig
Stunden zu leben; ich verlange weder Aufschub noch Begnadigung; ich bin glücklich.«
    »Was hat der Priester Ihnen denn gesagt?«
    »Eine Menge guter Dinge, ohne mich zu überzeugen. Er wollte mir Hoffnung machen; er sagte, uns umgäben unsichtbare Geister, die in der Luft schweben und die wir nicht erkennen können, weil sie so durchsichtig sind wie die Atmosphäre, in der sie sich bewegen. Diese Geister sind die Seelen derer, die uns geliebt haben, sie umgeben uns, sie berühren uns, sie flüstern uns unbegreifliche Worte zu, wenn wir wach sind, und sie sprechen zu uns, wenn wir schlafen; sie wissen, was wir noch nicht wissen können, denn sie können in die Zukunft sehen: daher die befremdlichen Enthüllungen und Vorausahnungen, deren Kenntnis diejenigen, die uns zu sehr lieben, vor uns nicht verbergen können. Dann sagte er, gewiss glaubten wir nur, was wir sehen können, wenngleich uns eine Vielzahl von Beweisen die Schwäche und das Unvermögen unserer Sinne vor Augen geführt hätten. Vor der Erfindung des Mikroskops – das heißt annähernd sechstausend Jahre lang – blieb unseren Augen die Hälfte der Wesen verborgen, die dieses Instrument sichtbar gemacht hat; der Erste, der seinen Blick auf die Welt des unendlich Kleinen richtete und eine Ahnung davon hatte, dass diese Welt endlos ist, wurde darüber wahnsinnig. Nun denn! Eines Tages, so hat der Priester mir erklärt, wird man vielleicht ein Instrument erfinden, mit dessen Hilfe man das unendlich Durchsichtige sehen kann, wie einst das unendlich Kleine sichtbar gemacht wurde. Und dann werden wir uns auf anderem Weg als über die Sprache mit diesen Luftgeistern verständigen, deren Vorhandensein nur die Dichtung erahnen konnte. Ja, mein lieber René, diese Vorstellung, dass meine Seele Sie weiter begleiten wird, dass ich Sie auch als Tote begleiten kann, dorthin gehen kann, wohin Sie gehen, mich mit der Luft vermischen, die Sie atmen, in dem Wind sein, der Ihre Haare bewegt – diese Hoffnung, so absonderlich sie erscheinen mag, hat mir unendlich große Freude bereitet. Hat Shakespeare nicht gesagt: ›Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt‹?«
    Janes Stimme war bei den letzten Worten allmählich erstorben, und sie ließ ihren Kopf auf Renés Schulter sinken.
    »Leiden Sie?«, fragte René.
    »Nein, ich glaube nicht. Ich werde nur immer schwächer; der Fuß, in den ich gebissen wurde, ist wie aus Eis, mit diesem Fuß werde ich zuerst ins Grab steigen, die Kälte wird allmählich in mir heraufsteigen, und
wenn sie mein Herz erreicht, werde ich mein Bett gegen das ewige Ruhelager eintauschen.«
    Als René spürte, dass sie einschlief, hörte er auf, mit ihr zu sprechen, damit sie im Schlaf Kraft für den letzten Kampf sammeln konnte. Ihr Schlaf war unruhig, von Aufbäumen und unverständlichem Gestammel unterbrochen.
    Hélène kam herbei; die Tür des Zimmers stand offen; sie streckte den Kopf zur Tür herein und fragte wortlos, wie es ihrer Schwester gehe.
    René zeigte ihr die Schlafende, die an seiner Schulter ruhte; sie trat ein und küsste Jane auf die Stirn.
    »Großer Gott, Hélène«, sagte René, »Sie kennen die Leute des Hauses, kann man denn nichts tun,

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