Der Graf von Sainte-Hermine - Dumas, A: Graf von Sainte-Hermine - Le Chevalier de Sainte-Hermine
Hélène, ihr fehlt nicht viel zum Engel, kaum mehr als die Flügel.«
»Jane«, sagte René, »ich werde Sie keine Sekunde lang allein lassen, aber Sie fügen den Menschen, die Sie lieben, großen Schmerz zu, indem Sie sich weigern, sie zu sehen, indem Sie zeigen, dass sie Ihnen gleichgültig sind, indem Sie nichts von ihnen wissen wollen.«
»Sie haben recht, René, rufen Sie alle herbei.«
René legte ihren Kopf behutsam auf das Kissen zurück und ging Hélène holen.
»Setzen Sie sich wieder zu mir«, sagte Jane. »Niemand außer Ihnen hat das Recht, bis zu meinem Tod an meiner Seite zu bleiben. Heute Nacht werde ich sagen, dass ich schlafen will, alle werden gehen, und Sie werden mich auf die Veranda tragen, damit ich dort, wo wir so glückliche Stunden verbracht haben, von dem Himmel, den Sternen, der Schöpfung und von Ihnen Abschied nehmen kann.«
Auf der Treppe erklangen die Schritte der Besucher, die an Janes Bett beten wollten; als Erste kam ihre Schwester Hélène, gefolgt von Sir James und dem Priester. Ihnen folgten der alte Remi, seine drei Söhne, die Tochter Adda und François. Nach François kamen die Dienstboten: das birmanische Gesinde, die Neger und Negerinnen.
Alle knieten nieder, René am Kopfende des Sterbebetts. Der Priester stand als Einziger mitten unter den Knienden. Pater Luigi war eine würdevolle Erscheinung, und er fand in jeder Situation die richtigen Worte. Sein Gebet war der bewegende Abschied eines jungen Mädchens von allem Unbekannten, von den Geheimnissen der Liebe, vom Glück der Ehe, von den Freuden der Mutterschaft; und diesen irdischen Freuden stellte er das göttliche Glück gegenüber, das den Erwählten des Herrn vorbehalten ist.
Jane wurde zum zweiten Mal ohnmächtig.
Der Priester sagte als Erster: »Ich glaube, wir ermüden die Kranke nur unnötig; niemand benötigt weniger Bittgebete, um in den Himmel zu gelangen, als dieses keusche Kind.«
Bei Jane blieben nur René, Hélène und Sir James zurück. René gab ihr
Riechsalz; Jane zuckte zusammen, machte einige fahrige Bewegungen, schlug die Augen auf und lächelte; sie sah sich von allen umgeben, die sie geliebt hatten, die sie noch liebten, und in der Kapelle des Hauses wartete ihr Vater auf sie; sie streckte Hélène die Hand hin, und Hélène warf sich abermals in ihre Arme.
»Meine liebe Hélène«, sagte Jane, »du weißt, dass ich nicht länger leben konnte; ich habe die arme Frau, deren Tod ich verschuldet habe, nach der leichtesten Todesart gefragt, und sie nannte mir den Biss der Schachbrettschlange; wenn ich sterbe, dann, weil ich sterben wollte, beklag mich also nicht. Hätte René mich heute verlassen, wäre ich vor Schmerz und Kummer gestorben; nun verlasse ich ihn zuerst und aus freien Stücken; das Unglück, das man selbst herbeiführt, ist immer erträglich, und nur mit dem Unglück, das unser Pech uns beschert, können wir uns nicht abfinden. Sieh doch, wie ruhig ich bin, wie glücklich; abgesehen von der Blässe müsste man beinahe denken, wir hätten die Rollen getauscht. Du weinst, und ich lächle. Meine liebe Hélène, damit mein Tod so sein wird, wie ich ihn mir erträumt habe, muss ich so sterben wie in diesem Augenblick, an Renés Schulter gelehnt; seine geliebte Hand muss meine Hände für die Ewigkeit auf meiner Brust falten. Du hast noch lange Jahre des Glücks vor dir, liebe Hélène, ich habe nur mehr wenige Minuten. Lass mich mit ihm allein, liebe Schwester; er wird dir sagen, wenn es so weit ist, dass alles zwischen uns auf Erden vorbei ist. Gott gebe, dass wir einander im Jenseits wiederfinden!«
Hélène umarmte Jane ein letztes Mal, und Sir James drückte ihre Hände; ein schmerzliches Zucken glitt über seine ebenmäßigen Züge, und eine Träne entschlüpfte seinen Lidern, bevor er Hélène in den Arm nahm und an sein Herz gedrückt aus dem Zimmer führte, als fürchtete er, der Tod könnte sie ihm streitig machen.
Die Nacht war hereingebrochen, und obwohl kein Licht in dem Zimmer entzündet worden war, war es so hell, als herrschte nur Dämmerung.
»Die Stunde naht unwiderruflich«, sagte Jane, »ich spüre, wie die Kälte mich übermannt und ins Grab zieht; ich leide nicht, sondern ich spüre nur, dass ich nicht länger leben kann.«
Sie deutete auf ihren Gürtel und sagte: »Von jener Stelle an lebe ich nicht mehr; bring mich auf unseren Balkon; dort will ich Abschied von dir nehmen, dort will ich sterben.«
René nahm Jane in die Arme, trug sie auf den Balkon und
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