Der Herr der Ringe
Flanke des Gebirges kroch er hinauf, bis er oben in der Schwärze verschwand.
»Ich muss eine Weile rasten, Sam«, flüsterte Frodo. »Er ist so schwer, Sam, mein Junge, sehr schwer. Ich frage mich, wie weit ich ihn noch tragen kann. Jedenfalls muss ich mich ausruhen, ehe ich mich da hinaufwage.« Er zeigte auf den schmalen Weg.
»Pst! Pst!«, zischte Gollum und eilte zu ihnen zurück. »Pst!« Er legte den Finger auf die Lippen und schüttelte nachdrücklich den Kopf. Er zog Frodo am Ärmel und deutete auf den Pfad. Aber Frodo rührte sich nicht vom Fleck.
»Noch nicht«, sagte er, »noch nicht.« Müdigkeit und mehr als Müdigkeit bedrückte ihn; es schien, als ob ein starker Zauberbann auf seinem Geist und seinem Körper läge. »Ich muss mich ausruhen«, murmelte er.
Nun wurden Gollums Angst und Unruhe so groß, dass er wieder sprach und hinter der vorgehaltenen Hand zischte, als wollte er verhindern, dass ungesehene Lauscher in der Luft das Geräusch hörten. »Nicht hier, nein. Nicht hier rasten, Narren! Augen können uns sehen. Wenn sie auf die Brücke kommen, werden sie uns sehen. Kommt weg! Klettert, klettert! Kommt!«
»Komm, Herr Frodo«, sagte Sam. »Er hat wieder recht. Wir können hier nicht bleiben.«
»Nun gut«, sagte Frodo mit einer fernen Stimme wie einer, der halb im Schlaf spricht. »Ich will’s versuchen.« Müde stand er auf.
Aber es war zu spät. In diesem Augenblick erbebte der Fels und zitterte unter ihnen. Das mächtige rumpelnde Geräusch, lauter als zuvor, dröhnte im Boden und hallte in den Bergen wider. Dann erhellte mit versengender Plötzlichkeit ein großer roter Blitz die Nacht. Weit hinter dem östlichen Gebirge fuhr er über den Himmel und färbte die finster drohenden Wolken mit hellem Rot. In diesem Tal des Schattens und des kalten, tödlichen Lichts erschien es unerträglich gewalttätig und heftig. Wie gezackte Dolche hoben sich Felsgipfel und Grate in greller Schwärze von der auflodernden Flamme in Gorgoroth ab. Dann ertönte ein gewaltiger Donnerschlag.
Und Minas Morgul antwortete. Fahle Blitze flammten auf: Gezackte blaue Flammen schossen vom Turm und den umgebenden Bergen empor in die dunklen Wolken. Die Erde stöhnte; und aus der Stadt kam ein Schrei. Vermischt mit rauhen, hohen Stimmen wie von Raubvögeln und dem schrillen Wiehern von Pferden, wild vor Raserei und Angst, zerriss ein zitterndes Kreischen die Luft und stieg rasch zu einer durchdringenden Tonhöhe an, die nicht mehr zu hören war. Die Hobbits fuhren herum, warfen sich zu Boden und hielten sich mit den Händen die Ohren zu.
Als der entsetzliche Schrei endete und über ein langes, abscheuliches Wehklagen in Stille überging, hob Frodo langsam den Kopf. Jenseits des engen Tals, fast auf gleicher Höhe mit seinen Augen, standen die Wälle der bösen Stadt. Ihr höhlenartiges Tor, das wie ein offener Mund mit schimmernden Zähnen gestaltet war, öffnete sich weit. Und aus dem Tor kam ein Heer.
Die ganze Feldschar war schwarz gekleidet, dunkel wie die Nacht. Vor den düsteren Mauern und dem leuchtenden Pflaster der Straße konnte Frodo sie sehen, kleine schwarze Gestalten, eine Reihe hinter der anderen rasch und leise marschierend, und sie ergossen sich aus dem Tor in einem endlosen Strom. Vor ihnen ritt eine große Schar Reiter, die sich wie gelenkte Schatten bewegten, und an ihrer Spitze war einer, der größer war als alle anderen; ein Reiter, ganz schwarz bis auf den Helm, den er auf dem kapuzenbedeckten Kopf trug und der wie eine Krone aussah und mit einem gefährlichen Licht flackerte. Jetzt näherte er sich unten der Brücke, und Frodos starrende Augen folgten ihm, unfähig zu zwinkern oder sich abzuwenden. Gewiss war das der Herr der Neun Reiter, der zur Erde zurückgekehrt war, um sein gespenstisches Heer in die Schlacht zu führen. Hier, ja, hier war tatsächlich der hagere König, dessen kalte Hand den Ringträger mit seinem tödlichen Dolch niedergestreckt hatte. Die alte Wunde pochte vor Schmerz, und eine große Kälte griff nach Frodos Herzen.
Als diese Gedanken ihn mit Grauen erfüllten und er gebannt war wie durch einen Zauber, hielt der Reiter plötzlich, unmittelbar vor dem Zugang zur Brücke, und hinter ihm blieb das ganze Heer stehen. Er zögerte, und es herrschte Totenstille. Vielleicht war es der Ring, der den Geisterfürsten rief, und einen Augenblick war er beunruhigt, denn er spürte irgendeine andere Macht in seinem Tal. Hierhin und dorthin wandte er voll Furcht den
Weitere Kostenlose Bücher