Der Herr der Ringe
und stark gemacht hatten; denn an diesem Punkt kam auf einem mit Mauern geschützten Damm die Straße von den Furten und den Brücken von Osgiliath herauf und führte zwischen zinnenbewehrten Türmen durch ein bewachtes Tor. Der Stadt am nächsten war die Mauer im Südosten; hier betrug die Entfernung kaum mehr als eine Wegstunde. An dieser Stelle bog der Anduin, der die Berge des Emyn Arnen im südlichen Ithilien in einer großen Schleife umfloss, scharf nach Westen, und die Außenmauer erhob sich unmittelbar an seinem Ufer; und unter ihr lagen die Kais und Landeplätze von Harlond, an denen die Schiffe anlegten, die stromaufwärts aus den südlichen Lehen kamen.
Die Hufen waren reich an ausgedehnten Äckern und vielen Obstgärten, und Gehöfte gab es mit Darre und Speicher, Pferch und Kuhstall, und viele Bäche plätscherten durch die Wiesen vom Hochland hinab zum Anduin. Dennoch waren die Hirten und Ackerbauern, die dort lebten, nicht zahlreich, und der größte Teil des Volks von Gondor wohnte in den sieben Ringen der Stadt oder in den hohen Tälern der Randgebirge, in Lossarnach oder weiter südlich im schönen Lebennin mit seinen fünf raschen Flüssen. Dortzwischen den Bergen und dem Meer lebte ein zäher Volksstamm. Sie galten als Menschen von Gondor, doch war ihr Blut vermischt, und es gab untersetzte und dunkelhäutige Leute unter ihnen, deren Vorfahren wohl eher von den vergessenen Menschen abstammten, die in den Dunklen Jahren vor der Ankunft der Könige im Schatten der Berge gelebt hatten. Doch jenseits des Lebennin, in dem großen Lehen Belfalas, saß Fürst Imrahil in seiner Burg Dol Amroth am Meer, und er war von edlem Geblüt, und sein Volk auch, hochgewachsene und stolze Menschen mit meergrauen Augen.
Nachdem Gandalf nun einige Zeit geritten war, nahm das Tageslicht am Himmel zu, und Pippin setzte sich auf und schaute sich um. Zu seiner Linken lag ein Nebelmeer, das sich bis zu einem düsteren Schatten im Osten hinaufzog; doch zu seiner Rechten erhoben sich in einer Kette vom Westen her die Gipfel großer Berge und brachen steil und plötzlich ab, als ob der Fluss bei der Erschaffung des Landes eine große Sperre durchbrochen und ein mächtiges Tal gestaltet hätte, das in späteren Zeiten ein Land des Kampfes und des Haders werden sollte. Und dort, wo Ered Nimrais, das Weiße Gebirge, endete, sah er, wie Gandalf angekündigt hatte, den düsteren Gebirgsstock Mindolluin und die dunkel purpurroten Schatten seiner hohen Schluchten und seinen im aufgehenden Tag weiß schimmernden Steilhang. Und auf einem vorgeschobenen Sattel lag die Bewachte Stadt mit ihren sieben Mauern aus Stein, so mächtig und alt, dass es schien, als seien sie nicht erbaut worden, sondern von Riesen aus dem Gebein der Erde herausgehauen.
Während Pippin sie noch staunend betrachtete, gingen die Mauern von undeutlichem Grau in Weiß über und röteten sich schwach in der Morgendämmerung; und plötzlich stieg die Sonne über den östlichen Schatten und sandte einen Strahl aus, der die Stadt traf. Da schrie Pippin laut auf, denn nun hob sich der Turm von Ecthelion, der innerhalb der obersten Mauer aufragte, klar vom Himmel ab, schimmernd wie eine Ähre aus Perlen und Silber, hoch und schön und wohlgestalt, und seine Spitze glitzerte, als sei sie aus Kristallen; weiße Banner entrollten sich und flatterten im Morgenwind von den Zinnen, und laut und deutlich hörte er einen hellen Klang wie von silbernen Trompeten.
So ritten bei Sonnenaufgang Gandalf und Peregrin zum Großen Tor der Menschen von Gondor, und die eisernen Torflügel taten sich vor ihnen auf.
»Mithrandir! Mithrandir!«, riefen einige Männer. »Jetzt wissen wir, dass der Sturm wahrlich nahe ist!«
»Er ist schon hier«, sagte Gandalf. »Ich bin auf seinen Flügeln geritten. Lasst mich durch! Ich muss zu eurem Herrn Denethor, solange er noch Truchsess ist. Was immer geschehen mag, ihr erlebt das Ende von Gondor, so wie ihr es gekannt habt. Lasst mich durch!«
Die Männer wichen zurück vor seiner gebieterischen Stimme und stelltenihm keine Fragen mehr, obwohl sie voll Staunen auf den Hobbit blickten, der vor ihm saß, und auf das Pferd, das ihn trug. Denn das Volk der Stadt brauchte kaum Pferde, und selten waren in den Straßen welche zu sehen außer jenen der reitenden Boten ihres Herrn. Und sie sagten: »Gewiss ist das doch eines der mächtigen Rösser des Königs von Rohan? Vielleicht kommen die Rohirrim bald zu unserer Verstärkung.« Doch Schattenfell
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