Der Idiot
war Ptizyn mit Rogoschin befreundet; Ferdyschtschenko fühlte sich wie ein Fisch im Wasser; Ganja konnte immer noch nicht recht zu sich kommen, indes empfand er dunkel ein unüberwindliches, glühendes Verlangen, bis zum Ende an seinem Schandpfahl auszuhalten; der alte Lehrer, der von den Vorgängen nur wenig verstand, weinte beinah und zitterte buchstäblich vor Furcht, da er an den andern ringsumher und an Nastasja Filippowna, die er wie eine Enkelin vergötterte, eine so ungewöhnliche Aufregung wahrnahm, aber er wäre eher gestorben, als daß er sie in einem solchen Augenblick verlassen hätte. Was Afanasi Iwanowitsch betrifft, so durfte er sich allerdings bei solchen Affären nicht kompromittieren; aber er war an der Angelegenheit zu sehr interessiert, obwohl sie eine so sinnlose Wendung genommen hatte; auch hatte Nastasja Filippowna ein paar ihn betreffende derartige Bemerkungen fallenlassen, daß er unmöglich weggehen konnte, bevor die Sache vollständig aufgeklärt war.
Er entschied sich dafür, bis zu Ende sitzenzubleiben, nunmehr gänzlich zu schweigen und nur den Beobachter zu spielen, ein Verhalten, das auch seine Würde sicherlich verlangte. Nur für General Jepantschin, der schon soeben durch die so ungenierte, lächerliche Rückgabe seines Geschenkes gekränkt worden war, bestand die Möglichkeit, daß er durch alle diese seltsamen Exzentrizitäten oder auch durch Rogoschins Erscheinen noch weiter beleidigt werde; auch hatte ein Mann wie er ohnehin schon eine zu weitgehende Herablassung gezeigt, indem er sich entschlossen hatte, sich neben einen Ptizyn und einen Ferdyschtschenko zu setzen; aber die Wirkung der Leidenschaft mußte doch endlich aufgehoben und überwogen werden durch das Gefühl der Pflicht, durch das Bewußtsein seines Ranges und seiner gesellschaftlichen Stellung sowie überhaupt durch die Selbstachtung, so daß ein Rogoschin mit seiner Gesellschaft jedenfalls in Gegenwart Seiner Exzellenz ein Ding der Unmöglichkeit war.
»Ach, General«, unterbrach ihn Nastasja Filippowna sogleich, als er sich mit einer Bemerkung dieses Inhalts an sie wandte, »das hatte ich im Augenblick vergessen! Aber seien Sie überzeugt, daß ich Ihre Bedenken vorhergesehen hatte. Wenn es Ihnen so peinlich ist, so bestehe ich nicht darauf, daß Sie hierbleiben, und will Sie nicht zurückhalten, obwohl gerade Sie jetzt bei mir zu sehen mir höchst erwünscht sein würde. Jedenfalls danke ich Ihnen sehr für Ihre Bekanntschaft und für die schmeichelhafte Aufmerksamkeit, die Sie mir erwiesen haben; aber wenn Sie fürchten ...«
»Erlauben Sie, Nastasja Filippowna«, rief der General in einem Anfall von ritterlichem Edelmut, »zu wem reden Sie so? Schon allein aus Ergebenheit werde ich jetzt bei Ihnen bleiben, und wenn irgendwelche Gefahr bestehen sollte ... Außerdem muß ich bekennen, daß ich außerordentlich neugierig bin. Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, daß diese Menschen möglicherweise die Teppiche verderben und etwas zerbrechen werden ... Meiner Ansicht nach sollten Sie sie überhaupt nicht hereinlassen, Nastasja Filippowna!«
»Da ist Rogoschin selbst!« rief Ferdyschtschenko.
»Wie denken Sie darüber, Afanasi Iwanowitsch?« flüsterte diesem der General schnell zu. »Ob sie nicht den Verstand verloren hat? Das heißt, nicht figürlich gesagt, sondern im eigentlichen medizinischen Sinne, wie?«
»Ich habe Ihnen schon früher gesagt, daß sie von jeher dazu neigte«, flüsterte Afanasi Iwanowitsch schlau zurück. »Und dazu nun noch das Fieber ...«
Rogoschins Gefolge wies fast denselben Bestand auf wie am Tage; hinzugekommen waren nur ein heruntergekommener alter Mann, der seinerzeit Redakteur eines bissigen Skandalblättchens gewesen war und von dem man sich das Geschichtchen erzählte, er habe seine in Gold gefaßten falschen Zähne versetzt und vertrunken, sowie ein verabschiedeter Leutnant, nach seinem Handwerk und seiner Bestimmung ein entschiedener Rivale und Konkurrent des schon am Tage anwesenden Herrn mit den Fäusten; es kannte ihn niemand von Rogoschins übrigen Leuten; er war auf der Sonnenseite des Newski-Prospekts aufgelesen worden, wo er die Passanten anhielt und im Marlinskischen Stile 1 um eine Unterstützung bat, mit der schlauen Bemerkung, er selbst habe seinerzeit jedem Bittsteller fünfzehn Rubel gegeben. Die beiden Konkurrenten nahmen von vornherein eine feindliche Stellung gegeneinander ein. Der schon eher dagewesene Herr mit den Fäusten hielt sich durch die
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