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Der Idiot

Titel: Der Idiot Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fëdor Michajlovic Dostoevskij
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er wieder verlegen. Er hat heute vormittag zu mir gesagt, er habe sich schon seit einem halben Jahr nicht so wohl und kräftig gefühlt; er hustet sogar weit weniger.«
    Der Fürst bemerkte, daß Aglaja auf einmal von ihrem Platz in der Ecke herauskam und an den Tisch herantrat. Er wagte nicht, nach ihr hinzublicken; aber er fühlte mit seinem ganzen Wesen, daß sie ihn in diesem Augenblick ansah und vielleicht zornig ansah, und daß in ihren schwarzen Augen jedenfalls ein Ausdruck des Unwillens lag und ihr Gesicht glühte.
    »Ich glaube, Nikolai Ardalionowitsch, Sie haben nicht gut daran getan, ihn hierher zu bringen, wenn es sich um jenen schwindsüchtigen jungen Menschen handelt, der damals zu weinen anfing und uns zu seinem Begräbnis einlud«, bemerkte Jewgeni Pawlowitsch. »Er sprach damals in so pathetischen Ausdrücken von der Mauer des Nachbarhauses, daß er sich unfehlbar nach dieser Mauer zurücksehnen wird; davon können Sie überzeugt sein.«
    »Das ist ganz richtig. Er wird sich mit dir zanken und überwerfen und wieder wegfahren; weiter kommt nichts dabei heraus!«
    Nach diesen Worten zog Lisaweta Prokofjewna würdevoll den Korb mit ihrer Handarbeit zu sich heran, da sie ganz vergessen hatte, daß alle bereits aufgestanden waren, um den Spaziergang anzutreten.
    »Es ist mir erinnerlich, daß er mit dieser Mauer sehr geprahlt hat«, begann Jewgeni Pawlowitsch von neuem. »Ohne diese Mauer wird er nicht mit großartigen Redewendungen sterben können, und daran ist ihm doch viel gelegen.«
    »Nun gut«, murmelte der Fürst, »wenn Sie ihm nicht verzeihen wollen, wird er eben ohne Ihre Verzeihung sterben ... Jetzt ist er um der Bäume willen hierher übergesiedelt.«
    »Oh, ich meinerseits verzeihe ihm alles; das können Sie ihm ausrichten.«
    »So darf die Sache nicht aufgefaßt werden«, antwortete der Fürst leise und anscheinend nur ungern, indem er fortfuhr, mit gesenkten Augen auf einen Punkt des Fußbodens hinzublicken. »Es ist erforderlich, daß auch Sie bereit sind, von ihm Verzeihung anzunehmen.«
    »Aber was habe ich denn damit zu tun? Was habe ich ihm denn zuleide getan?«
    »Wenn Sie das nicht verstehen, so ... aber Sie verstehen es ja; er wollte damals ... Sie alle segnen und Ihren Segen empfangen; weiter nichts ...«
    »Lieber Fürst«, fiel Fürst Schtsch. schnell mit einer gewissen Behutsamkeit ein, nachdem er mit einem und dem andern von den Anwesenden einen Blick gewechselt hatte, »das Paradies läßt sich auf Erden nicht so leicht wiederherstellen; und doch rechnen Sie gewissermaßen mit einer Wiederherstellung des Paradieses; das ist ein schweres Ding, Fürst, weit schwerer, als es Ihrem prächtigen Herzen erscheint. Wir wollen lieber davon aufhören; sonst geraten wir alle am Ende wieder ins Streiten, und dann ...«
    »Wir wollen zur Musik gehen!« sagte Lisaweta Prokofjewna in scharfem Ton und erhob sich ärgerlich von ihrem Platz.
    Alle schlossen sich ihr an.
     
Fußnoten
     
    1 Eine Newa-Insel. (A.d.Ü.)
     
    2 Eine Person in Gribojedows Lustspiel »Verstand schafft Leiden«. (A.d.Ü.)
     
     
II
    Der Fürst trat plötzlich an Jewgeni Pawlowitsch heran.
    »Jewgeni Pawlowitsch«, sagte er mit auffälliger Wärme, indem er seine Hand ergriff, »seien Sie überzeugt, daß ich Sie trotz allem für den edelsten, besten Menschen halte; das versichere ich Ihnen ...«
    Jewgeni Pawlowitsch war so erstaunt, daß er sogar einen Schritt zurücktrat. Einen Augenblick lang hatte er die größte Mühe, einen starken Lachreiz zu unterdrücken; aber bei näherem Hinsehen bemerkte er, daß der Fürst kaum seiner selbst mächtig war und sich jedenfalls in einem ganz eigenartigen Zustand befand.
    »Ich möchte darauf wetten, Fürst«, rief er, »daß Sie eigentlich etwas ganz anderes sagen wollten und vielleicht gar nicht zu mir ... Aber was ist mit Ihnen? Fühlen Sie sich nicht wohl?«
    »Möglich, gut möglich, und Sie haben sehr richtig bemerkt, daß ich mich vielleicht gar nicht an Sie wenden wollte!«
    Nach diesen Worten lächelte er auf eine ganz seltsame und sogar komische Weise; aber plötzlich schien er in starke Erregung zu geraten und rief:
    »Erinnern Sie mich nicht an mein Benehmen vor drei Tagen! Ich habe mich diese drei Tage über sehr geschämt ... Ich weiß, daß ich schlecht gehandelt habe ...«
    »Aber ... aber was haben Sie denn so Schreckliches getan?«
    »Ich sehe, daß Sie sich vielleicht mehr für mich schämen, als es die andern alle tun, Jewgeni Pawlowitsch. Sie erröten,

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